Remondis rechnet mit Überkapazitäten bei der Müllverbrennung

Vorstandsvorsitzender spricht sich gegen langfristige Anliefererverträge zum jetzigen Zeitpunkt aus

Lünen. Vor großen Überkapazitäten bei Müllverbrennungsanlagen und Anlagen für Ersatzbrennstoff warnt der Vorstandssprecher der REMONDIS AG & Co. KG, Ludger Rethmann, in einem internen Schreiben an die Geschäftsführer und Vorstände des Unternehmens. Bundesweit, so Rethman in seinem Schreiben, würden zurzeit zahlreiche Müllverbrennungsanlagen (MVA) und Ersatzbrennstoffanlagen (EBS) erweitert und neue gebaut. Weitere Anlagen und Erweiterungen befänden sich in der Planungsphase, und es sei davon auszugehen, daß ein Großteil dieser Projekte auch umgesetzt wird. Insgesamt handelt es sich Rethmann zufolge um etwa 5,4 Millionen Tonnen Kapazitäten in MVA und knapp 7 Millionen Tonnen in EBS-Anlagen, die neu geschaffen werden. In spätestens zwei bis drei Jahren werde der Markt übersättigt sein, so Rethmann. Er warnt deshalb die Konzernfirmen davor, zum jetzigen Zeitpunkt feste Anlieferungsverträge mit Anlagenbetreibern abzuschließen. Diese Verträge würden dann bei Überkapazitäten zu Insolvenzen führen, sofern der Preis für die Festmenge nicht marktgerecht ausgehandelt wurde. Der Vorstandssprecher empfiehlt deshalb den Konzernunternehmungen, erst ab Ende 2008, "wenn sich die Überkapazität auch auf den Preis niederschlagen wird", entsprechende Verhandlungen zu führen. Die REMONDIS AG & Co. KG, ist Deutschlands größtes privates Dienstleistungsunternehmen der Wasser- und Kreislaufwirtschaft.

In seinem Schreiben an die Remondis-Manager betont Rethmann, es sei unbedingt notwendig, den künftigen Bedarf an Kapazitäten zu ermitteln, bevor weiter in neue Anlagen und Erweiterungen investiert werde. Hilfreich dabei wäre die zügige Umsetzung der flächendeckenden Einführung der Biotonne. Bioabfälle, die nicht kompostiert werden, würden in Verbrennungsanlagen behandelt. Je mehr Kommunen jedoch die Biotonne einführten, desto mehr Kapazitäten würden in den Verbrennungsanlagen frei. Da die Biokompostierung auf Sicht günstiger als die thermische Beseitigung oder Verwertung und ökologisch sinnvoll sei, so Rethmann, werde „sie sich ohnehin durchsetzen“. Damit aber schnellstmöglich der tatsächliche Bedarf an Verbrennungskapazitäten deutlich wird, sollten die Kommunen unmittelbar nach der Sommerpause ihre Satzungen ändern und die Biokompostierung zügig flächendeckend einführen.

Laut Rethmann werden an insgesamt 74 Standorten in Deutschland und den Niederlanden 33 MVA-Anlagen und 41 EBS-Anlagen gebaut, projektiert beziehungsweise geplant. Nach Rethmanns Einschätzung kann zum jetzigen Zeitpunkt bereits davon ausgegangen werden, daß die Fertigstellung von mehr als 50 dieser Anlagen tatsächlich gewährleistet ist. Spätestens ab 2009 werde dies zu absoluten Überkapazitäten führen. Neue Sperrmüllverwertungsanlagen, neue Biomassekraftwerke, die Verwertung in neu gebauten Gewerbeabfallsortieranlagen und die Einführung der flächendeckenden Kompostierung seien hierbei ebenfalls berücksichtigt.
Rethmann kritisiert in seinem Schreiben einzelne Entscheidungengrundlagen, die zum Bau von MVA geführt hätten. So würde zum Beispiel die Sita in Emlichheim (bei Nordhorn) eine neue MVA-Anlage mit einer Kapazität von 360.000 Tonnen bauen, „obschon keine Tonne im Hausmüllentsorgungsbereich in Deutschland in und um Emlichheim herum die nächsten zehn Jahre zur Vergabe ansteht“. Auch die AGR habe sich für Herten 2 mit einer Kapazität von 250.000 Tonnen ausgesprochen und den Bau begonnen, „obschon auch in diesem Fall keine Tonne im Kommunalen Hausmüllentsorgungsbereich akquiriert werden konnte“. Darüber hinaus bleibe offen, so Rethmann, ob die AGR die bisherigen Mengen in ihrer bestehenden Anlage bei zukünftigen Ausschreibungen noch halten könne.

Weiter seien in den Niederlanden große Anlagen in Betrieb genommen worden. Der frühere Restmüllexport nach Deutschland finde nicht mehr statt. Die Anlagen, die seit Inkrafttreten der Abfallablagerungsverordnung neu in Betrieb genommenen wurden, hätten in den Niederlanden zu einer zusätzlichen Kapazität von 1 Million Tonnen geführt. Davon würden rund 70 Prozent auf die Anlagen Alkmar und Amsterdam entfallen.
Mehrere deutsche MVA-Anlagen hätten genehmigungsrechtlich ihre Kapazität erweitert beziehungsweise durch einfache Investitionen ihre Kapazität technisch erhöht. Man könne deshalb davon ausgehen, so Rethmann, daß von der geplanten Gesamt-MVA-Kapazität von rund 5,4 Millionen Tonnen realistisch gesehen 4,4 Millionen Tonnen bereits entschieden seien. Bei den EBS-Anlagen sind nach Rethmanns Einschätzung von den geplanten 6,9 Millionen Tonnen bereits 4,0 Millionen Tonnen entschieden. Auch hier werde es auf jeden Fall zu Überkapazitäten kommen.

Bei Überkapazitäten und hohen Fixkosten werde sich der Abnahmepreis an der freien Menge neu ausrichten. Da gerade im Hausmüllbereich große Mengen langfristig vergeben werden, verbleibe daher nur eine geringe freie Menge. Es sei also zu erwarten, daß sich die Überkapazitäten insbesondere auf den Gewerbeabfallmarkt auswirken werden.
Darüber hinaus könnten durch die Osterweiterung der Europäischen Union ab 2008 spätestens 2012 Restmüll und Ersatzbrennstoff „in dem einen oder anderen neuen Mitgliedsland der Europäischen Union ebenso thermisch verwertet werden“.

Auch bei den Biomassekraftwerken könne man bereits eine Überkapazität feststellen. In diesem Bereich hätten bereits zwei Anlageninvestoren Insolvenz angemeldet. Ferner hätten schon erste Holzlieferanten Abstandsummen in zweistelliger Höhe angeboten, um aus ihren langfristigen Anlieferverpflichtungen entlassen zu werden.
Auch die aktuellen ausländischen Anlageninvestitionen sowie die insbesondere in Osteuropa eingeleiteten Genehmigungsverfahren der Zementwerke, Kalkwerke und Braunkohlekraftwerke würden dafür sorgen, daß die Entsorgungsbranche in zwei bis drei Jahren die Auswirkung zu spüren bekommen werde. Feste Anlieferungsverträge würden dann bei Überkapazitäten zu Insolvenzen führen, sofern der Preis für die Festmenge nicht marktgerecht ist.
Rethmann: „Insofern macht es Sinn, mit Dritten in den nächsten zwei bis drei Jahren Anlieferungsverträge nicht einmal zu diskutieren, sondern erst ab Ende 2008, wenn sich die Überkapazität auch auf den Preis niederschlägt.“

Tabelle: In Betrieb genommene, entstehende und geplante Kapazitäten im Bereich Hausmüll / Gewerbeabfall beziehungsweise Ersatzbrennstoff in Deutschland und den Niederlanden seit 1. Juni 2005
(Quelle: Remondis)

Haus/

Gewerbeabfall :

 

 

 

Standort /Beteiligte

t/a

Status

1.

Alkmaar (Erweiterung)

180.000

Betrieb 7/05

2.

Amsterdam (Erweiterung)

500.000

Betrieb 9/06

3.

Asdonkshof (Erweiterung)

150.000

Proj.

4.

Bamberg (Ersatz)

135.000

im Bau

5.

Bielefeld (Erweit./Nachrüstung Turbine)

80.000

Umsetzung

6.

Bonn (Erweiterung)

80.000

Proj.

7.

Bremen (Erweiterung)

150.000

im Bau

8.

Coburg (Ersatz)

100.000

Proj.

9.

Emlichheim EVIkon (u.a. SITA)

360.000

im Bau

10.

Erfurt

70.000

im Bau

11.

Frankfurt (Erweiterung)

105.000

im Bau

12.

Halle

80.000

Proj.

13.

Hamm (Ausweitung der Betriebsgeneh.)

55.000

Umsetzung

14.

Hameln (Erweiterung)

90.000

Umsetzung

15.

Hengelo (Erweiterung)

210.000

Umsetzung

16.

Herten 2

250.000

Proj.

17.

Kiel (Erweiterung)

100.000

Proj.

18.

Krefeld (Erweiterung)

120.000

Proj.

19.

Leuna 2

185.000

im Bau

20.

Leverkusen (Ersatz/Erweiterung)

35.000

Proj.

21.

Magdeburg 2

350.000

im Bau

22.

Mainz (Erweiterung)

130.000

Proj.

23.

Moerdijk / Essent (Erweiterung)

300.000

Proj.

24.

Oberhausen (Ersatz/Erweiterung)

100.000

Betrieb

25.

Pinneberg (Erweiterung)

120.000

Proj.

26.

Rijnmond / AVR

350.000

Proj.

27.

Roosendaal /SITA

180.000

Proj.

28.

Staßfurt

300.000

im Bau

29.

Stellinger Moor (Ersatz)

140.000

Proj.

30.

Ulm (Umbau)

20.000

im Bau

31.

Wijster / Essent (Erweiterung)

200.000

Proj.

32.

Wuppertal (Ersatz/Erweiterung)

50.000

Betrieb

33.

Zella Mehlis

160.000

im Bau

 

Summe :

5.435.000

 

 

Ersatzbrennstoff :

 

Standort / Beteiligte

t / a

Status|

1.

Ahlfeld / Sappi

200.000

Proj.

2.

Amsdorf / Romonta (Erweit, um 2. Linie)

60.000

Proj.

3.

Andernach / Rasselstein

120.000

Geneh.

4.

Bernburg / Schwenk

40.000

Proj.

5.

Bayer Industrie Service

100.000

Proj.

6.

Bremer Wollkämmerei

65.000

 Betrieb

7.

Delfzijl, Groningen / BKB

250.000

Proj.

8.

Flensburg / Stadtwerke

60.000

Proj.

9.

Frankfurt / InfraServ

500.000

Aussch.

10.

Gersteinwerk / RWE Steinkohlekraftwerk

180.000

Betrieb

11.

Glückstadt / Steinbeis Temming (Erweit.)

135.000

Proj.

12.

Großräschen / KW Sonne

250.000

im Bau

13.

Hagenow / Meck. Kartoffelveredelung

60.000

Proj.

14.

Hamburg / Norddeut. Affinerie

750.000

Proj.

15.

Heringen / Kali & Salz - BKB

240.000

Geneh.

16.

Hünxe / ENRO - USB

80.000

Proj.

17.

Karlsruhe / Stora Enso

250.000

Proj.

18.

Kirchmöser  (Umbau BMK)

80.000

Proj.

19.

Korbach / Continental, MW

60.000

Proj.

20.

Meuselwitz  (Umbau BMK)

50.000

Proj.

21.

Jänschwalde

400.000

Betrieb

22.

Ladenburg / AVA

150.000

Proj.

23.

Knapsack / InfraServ - SOTEC

240.000

Aussch.

24.

Leipzig / WEV

115.000

Proj.

25.

Leppersdorf / Müller Milch

200.000

Aussch.

26.

Lünen/WBF

70.000

im Bau

27.

Maasvlakte / BKB

300.000

Proj.

28.

Minden / Energos

35.000

Betrieb

29.

Neumünster

130.000

Betrieb

30.

Nordenham / Xstrada

650.000

Proj.

31.

Premnitz/BKB

120.000

Betrieb

32.

Premnitz / BKB  (2. Anlage)

150.000

Geneh.

33.

Rheinberg / Solvay

360.000

Proj.

34.

Rostock / Vattenfall

180.000

Proj.

35.

Rüdersdorf / Cemex - Wirbelschicht

150.000

Betrieb

36.

Rüdersdorf / Cemex - Drehrohrofen

50.000

Proj.

37.

Rüdersdorf - Kraftwerk / Vattenfall

200.000

Proj.

38.

Rudolstadt-Schwarza / Jass Papier

60.000

Geneh.

39.

Schwedt / Leipa Papier

250.000

Aussch.

40.

Stavenhagen / Pfanni

90.000

im Bau

41.

Upahl / Hansano

90.000

Proj.

42.

Witzenhausen / SCA

250.000

Proj.

 

Summe

7.770.000

 

 

 

 

 

 

MVA Kapazitäten

5.435.000

 

 

EBS Kapazitäten

7.770.000

 

 

Kompostierung

4.500.000

 

 

Sperrmüllverwertung in BMK

600.000

 

 

Verwertung in Gewerbeabfallanlagen

1.000.000

 

 

Gesamt:

19.305.000

 



Hintergrund:
Wenn auf dem Entsorgungsmarkt - wie aktuell der Fall - Kapazitätsengpässe bestehen und darüber hinaus Kostensteigerungen zu erwarten sind, beispielsweise aufgrund von neuen Rechtsvorschriften, Gesetzen oder Auflagen, dann lohnt es sich für einen Anlieferer unter Umständen, frühzeitig langfristige Anlieferungsverträge zu schließen, bevor Preissteigerungen auf dem Markt wirksam werden. In dieser Phase befinden sich Anlagenbetreiber in einer besseren Verhandlungsposition und können höhere Preise aushandeln. Wenn sich jedoch die Marktsituation zum Beispiel durch ein Überangebot an Anlagenkapazitäten ändert, müssen die Abnehmer ihre Preise senken, um ihre Anlagen auslasten zu können. In diesem Fall sind langfristig abgeschlossene Anlieferverträge für die Anlieferer ein entscheidender Marktnachteil. Vertraglich nicht gebundene Konkurrenten können dann frei unter den Anbietern wählen und die niedrigeren Preise nutzen und ihre Dienstleistungen zu erheblich günstigeren Konditionen anbieten.
Die Verhandlungsposition von Anlagenbetreibern und Anlieferern wird deshalb wesentlich von der Marktstellung der Verhandlungspartner und von der zu erwartenden Entwicklung des Marktes beeinflußt. (AI)

Kontakt: REMONDIS AG & Co KG, Brunnenstr. 138, D-44536 Lünen, Tel. 02306.106-113, Fax: -106-533, eMail: herwart.wilms@remondis.de, Internet: www.remondis.de.

(© RHOMBOS, Abfallwirtschaftlicher Informationsdienst,  ISSN: 1613-6489)






Copyright: © Rhombos Verlag (29.06.2006)
 
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