Das Juli-Hochwasser 2021 in NRW – Ein erster Erfahrungsbericht

Das Juli-Hochwasser 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat in den betroffenen Regionen
zu erheblichen und zum Teil katastrophalen Schäden und zum Verlust von Menschenleben geführt. Der
vorliegende Erfahrungsbericht basiert auf subjektiven Eindrücken im Katastrophengebiet und wurde
unmittelbar nach dem Ereignis verfasst. Er erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit und Korrektheit, sondern fasst lediglich die Beobachtungen und Erfahrungen vor Ort unter dem Eindruck der Ereignisse zusammen. Der Fokus dieses Beitrags liegt auf der Städteregion Aachen und dem Kreis Düren. Im Nachgang wird es eine umfangreiche Aufarbeitung des Hochwassers geben müssen, die die bisherigen Beobachtungen und Erfahrungen bestätigen oder ggf. auch widerlegen wird.

Einführung

Große Bereiche von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalzwurden zwischen dem 13. und 16. Juli 2021 von einem extremenHochwasser heimgesucht. Schwerpunkte des Hochwassergeschehensin Nordrhein-Westfalen waren u. a. die Kreise Düren, Euskirchen, Heinsberg, der Rhein-Erft-Kreis und die Städteregion Aachen. Das Juli-Hochwasser 2021 reiht sich in eine Kette von anderen extremen Hochwasserereignissen in Deutschland ein, zunennen sind hier insbesondere die Rheinhochwasser 1993 und 1995, das Oderhochwasser 1997 und die Elbehochwasser 2002 und 2013, aber auch regional begrenzte schwere Hochwasserereignissewie z. B. in Braunsbach 2016 oder im Nordharz 2017. Insbesondere die Anzahl der Todesopfer und betroffenen Menschen, die Höhe deswirtschaftlichen Schadens aber auch die Höhe von Wasserständen und Abflüssen lassen bereits kurz nach dem Hochwasserereignis eine Bewertung als extremes Hochwasserereignis zu. Dies bestätigt auch ein erster Vergleich mit den Hochwassergefahrenkarten für ein HQextrem. Bereichsweise wurden die Wasserstände für ein HQextrem der Hochwassergefahrenkarten sogar nach erster visueller Bewertung deutlich überschritten. Hier werden im Nachgang eine Überprüfung der bisherigen Hochwasserwahrscheinlichkeiten und ggf. eine Überarbeitung der Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten dringend erforderlich sein.

Der vorliegende Beitrag basiert auf Beobachtungen in der Städteregion Aachen, in den Kreisen Düren und Heinsberg, teilweise auch auf Beobachtungen in den angrenzenden Hochwassergebieten in Belgien und den Niederlanden. Der Beitrag erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Vollständigkeit und Korrektheit, es geht im Wesentlichen darum, die Beobachtungen und Erfahrungen kurzfristig unter dem Eindruck der Geschehnisse zu dokumentieren.

Hochwasserschäden

Viele Bürgerinnen und Bürger in den am meisten betroffenen Gebietenstehen vor den Trümmern ihrer wirtschaftlichen Existenz. Es ist sehr bedrückend durch Straßenzüge zu gehen, in denen sich das komplette Hab und Gut unbrauchbar in hohen Bergen am Straßenrand türmt und auf die Müllabfuhr wartet (Bild 1). Die Luft riecht nach Öl, Benzin und Fäkalien. Infrastrukturen sind zerstört. Vielen Bewohnerinnen und Bewohnern standen Verzweiflung und Tränenim Gesicht, da nicht nur die Keller, sondern vielfach auch das Erdgeschoss oder sogar das ganze Gebäude betroffen war. Viele Betroffenehaben auch keine Elementarschadensversicherung, da das Risiko einer derartigen Naturkatastrophe als gering eingeschätzt wurde. Anwohner berichten, dass sie gerade ihr Haus neu eingerichtet haben und nun ihr neues Mobiliar auf der Straße wiederfinden, aber leider über keine Versicherung verfügen. Am meisten hat mich ein älteres Ehepaar in Stolberg an der Vicht berührt, die vor ihrem Gebäudestanden und gewartet haben. Es war unklar, auf was sie eigentlichgewartet haben, sie wussten es wahrscheinlich in diesem Moment selber noch nicht. Ihre gesamte Existenz lag schlammverdreckt im Garten, das Auto hatte nur noch Schrottwert, Strom, Gas, Wasser und Telefon waren abgeschaltet. Das ganze Umfeld ihres Hauses war ein Trümmerfeld, Straße und Zufahrt zum Haus unterspült und nur noch auf eigenes Risiko zu nutzen (Bild 2). Materielle Erinnerungen waren genauso wie Zukunftspläne davongespült. Wir werden uns im Nachgang fragen müssen, ob es wirklich Sinn macht, die am meisten vom Hochwasser betroffenen Bereiche wiederaufzubauen. Wie können wir sonst das Konzept „Raum für den Fluss“ umsetzen und Vulnerabilitäten reduzieren?



Copyright: © Springer Vieweg | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Quelle: Wasser und Abfall 07 (Juli 2021)
Seiten: 4
Preis inkl. MwSt.: € 10,90
Autor: Univ.-Prof. Dr.-Ing. Holger Schüttrumpf

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