Totholzmanagement in der Entwicklung von Fließgewässern

Das Potenzial von Totholz in der Gewässerentwicklung wird unzureichend genutzt. Empfehlungen werden gegeben, wie Totholz in Fließgewässern verstärkt belassen und der Einbau naturnah und rechtssicher gestaltet werden kann. Zudem wird über Praxiserfahrungen im Umgang mit Totholz im Pilotprojekt „Gewässerallianz“ des Landes Niedersachsen berichtet.


Vor dem Hintergrund der EG WRRL besteht ein großer Bedarf an effektiven Maßnahmen zur ökologischen Gewässerentwicklung. Das Belassen und der Einbau von Holz haben hierfür durch die Aktivierung fließgewässertypischer Prozesse und damit der Erhöhung der Habitatvielfalt ein großes Potenzial. Im unmittelbaren Einflussbereich einer Totholzstruktur wird die Fließgeschwindigkeit infolge der Verengung örtlich beschleunigt, aber nach stromoberhalb und im Strömungschatten auch verringert und damit diversifiziert. Dies erhöht z. B. die Substratvielfalt, die Tiefen-und Breitenvarianz sowie den Rückhalt von organischem Material, mit entsprechend positiver Wirkung auf Fließgewässerorganismen.Je nach Gewässertyp sind in natürlichen Fließgewässern 10 bis 25 % der Sohle mit Holz bedeckt [1]. Dieser Anteil wird nur in einem Bruchteil der Fließgewässer in Deutschland erreicht. Erfassungen der Holzmenge über Strukturkartierungen ergaben z. B. für 13.100 km Fließgewässer in Nordrhein-Westfalen, dass 84 % der Strecken totholzfrei waren. Bezogen auf grobes Totholz ab 10 cm Durchmesser waren sogar 90 % der Strecken holzfrei [2]. Dies macht deutlich, wie weit insbesondere auch hinsichtlich des Totholzanteils die Fließgewässer vom natürlichen Zustand entfernt sind.

Belassen von Totholz

Eine Untersuchung von brandenburgischen Fließgewässerstrecken mit mindestens 10 % Holz auf der Sohle hat gezeigt, dass sich die strukturelle und ökologische Wirkung von Totholz auch in der Zustandsbewertung feststellen lässt [3]. Dafür wurden 31 holzreiche Gewässerstrecken mit jeweils einer oberhalb liegenden, holzfreien Kontrollstrecke verglichen. Die Untersuchungsgewässer waren auf 8 Fließgewässertypen im Norddeutschen Tiefland verteilt. Überlagernde Stressoren, also z. B. organische Belastungen, wurden weitgehend ausgeschlossen. In den Strecken wurde vergleichend unter anderem die Gewässerstruktur kartiert und das Makrozoobenthos nach dem EG WRRL konformen Standardverfahren PERLODES beprobt.

Die Gewässerstruktur war in den holzreichen Strecken überwiegend „gering verändert", in den holzfreien Strecken überwiegend „mäßig verändert". Damit ergab sich eine Verbesserung durch Totholz um eine Zustandsklasse. Aufwertende Einzelparameter waren vor allem die Substratdiversität, Strömungs-, Tiefen-und Breitenvarianz, besondere Laufstrukturen sowie Quer-und Längsbänke. Diese Einzelparameter zeigten eine um 1 – 3 Klassen bessere Gewässerstruktur. Das Totholz führte auch zu Verbesserungen der Zustandsbewertung beim Makrozoobenthos. Unabhängig vom Gewässertyp wurden in 45 % der Fälle (N = 14) die Holzstrecken um mindestens eine Klasse besser bewertet als die holzfreien Kontrollstrecken. Besonders erwähnenswert ist hierbei, dass in 26 % der Fälle (N = 8) durch Holz eine Zustandsverbesserung von „mäßig" zu „gut" oder „sehr gut" erfolgte. Die wesentlichen Verbesserungen wurden durch die Zunahme der Taxazahlen von Köcherfliegen und der prozentualen Häufigkeit der Eintags-, Stein-und Köcherfliegen verursacht. Für die hartsubstratreicheren Mittelgebirgsgewässer und die Organismengruppe Fische ist ein ähnlicher, aber vermutlich etwas geringerer Effekt zu erwarten. Generell scheinen für Fische weitere qualitative Faktoren relevant, wie z. B. eine verstärkte Bildung von Unterständen durch Totholzstrukturen mit naturnahen Furt-Kolk-Abfolgen [4], um potenzielle Lebensräume, insbesondere von strukturgebundenen Arten (z. B. Bachforelle, Salmo trutta fario), gezielter mit Habitaten anzureichern.



Copyright: © Springer Vieweg | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Quelle: Wasser und Abfall 07/08 (Juli 2020)
Seiten: 6
Autor: Dipl.-Ing. Michael Seidel
Sascha Nickel

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