Ethohydraulik – Die Kunst aufsteigende Fische am Kraftwerk abzuholen

Im Rahmen ethohydraulischer Untersuchungen wird das Verhalten von Fische in großskaligen Laborrinnen auf hydraulisch/konstruktive Gegebenheiten, die im Gewässer und damit unter realen Freilandsituation situativ ähnlich existieren, beobachtet und analysiert. Ziel dabei ist es, beispielsweise die Anforderungen der Tiere an die Lage und Gestaltung des Einstiegs in Fischaufstiegsanlagen zu verstehen, um die Auffindbarkeit und damit letztlich auch Funktionsfähigkeit solcher Bauwerke sicher zu stellen. So sind eine konsequente Berücksichtigung des positiv rheotaktischen Verhaltens der Fische, die richtige Anbindung von Teilströmen an die Hauptströmung im Gewässerquerschnitt ohne Sackgassen und die Vermeidung von Störströmungen im Strömungspfad und damit Wanderkorridorpfad der Fische wesentliche Voraussetzungen dafür, dass Fischaufstiegsanlagen ohne kritische Verzögerungen aufgefunden und angenommen werden.

Bis heute wird an jedem Wanderhindernis aufs Neue über die technische Machbarkeit und Finanzierbarkeit einer Fischaufstiegsanlage (FAA) diskutiert. Dabei besteht weitgehend Konsens darüber, dass die Durchgängigkeit wieder hergestellt werden muss, um letztlich die Grundlage für die Erreichung des guten ökologischen Zustands der Oberflächengewässer zu schaffen. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist die Errichtung funktionsfähiger FAA und fischpassierbarer Bauwerke. Als Funktionsfähigkeit ist dabei definiert, dass eine solche Anlage an mindestens 300 Tagen pro Jahr – d. h. das gesamte Jahr abzüglich 30 Tage mit extremem Niedrig- und 30 Tage mit extremem Hochwasser – sowohl für die größten am Standort zu erwartenden Exemplare als auch für die leistungsschwächsten Arten auffindbar und auf voller Länge passierbar sein muss. Diesbezüglich hatte der Wasserbauingenieur Gerhardt bereits vor über 100 Jahren klar erkannt, dass Lage und Beschaffenheit des Einstiegs einer FAA von besonderer Bedeutung für ihre Auffindbarkeit sind. Er formulierte treffend: „Es sind nämlich bei jedem Fischwege zwei Aufgaben zu lösen; die erste ist die, den Fisch in den Weg hineinzubringen, die zweite, ihn darin aufwärts zu führen. Die erste Aufgabe ist wichtiger als die zweite, denn von ihrem Gelingen hängt der Erfolg der zweiten ab. Sie ist außerdem viel schwieriger, weil bei ihrer Lösung auf die Gewohnheiten der Fische sorgfältig Rücksicht genommen werden muss". Bis heute sind aber die Unkenntnis der Gewohnheiten resp. des Verhaltens der Fische und/oder die fehlende Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse wesentliche Gründe dafür, dass weniger als 10 % der erbauten FAA die an sie gestellten Erwartungen tatsächlich erfüllen.



Copyright: © Springer Vieweg | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Quelle: Wasserwirtschaft 07-08/2015 (August 2015)
Seiten: 6
Autor: Dr. Beate Adam
Dennis Appelhoff

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