Chemisches Recycling – neue Verfahren und neue Player in der Abfallwirtschaft? Stand und Ausblick

Die nahezu täglichen Bilder über teilweise unfassbare Verschmutzungen von Meeren, Flüssen und urbanem Raum mit verschiedenartigsten Kunststoffabfällen haben sowohl auf politischer Ebene wie auch auf rechtlicher und technischer Ebene richtungsweisende Reaktionen ausgelöst: Die Europäische Union hat mit ihrer Kunststoffstrategie, mit der Richtlinie über Einwegartikel aus Kunststoffen und mit der Forderung nach einem Mindestrezyklatgehalt in Kunststoffgetränkegebinden aus globaler Sicht eine Vorreiterrolle eingenommen und umweltpolitisch starke Akzente gesetzt. Hersteller von Verpackungen aus Kunststoffen, Kunststoffproduzenten aber auch die chemische Industrie als Hersteller diverser Grundstoffe sind durch die globale Berichterstattung über das Kunststoffabfallproblem sowohl medial als auch aus rechtlicher Sicht unter Handlungsdruck geraten.

Global werden jährlich rund 350 Mio. t Primärpolymerwerkstoffe synthetisch als Duro-plaste, Elastomere, Thermoplaste sowie thermoplastische Elastomere hergestellt. Diese „Kunststoffe“ werden in stark steigenden Mengen in unterschiedlichsten Produkten und immer größer werdender Materialvielfalt verwendet. Am Ende der individuellen und jeweils sehr variablen „Lebensdauer“ – exakter Weise als Gebrauchsdauer zu bezeichnenden Verwendungszeit - dieser Produkte fallen diese in Haushalten, Gewerbe und Industrie als „Kunststoffabfälle“ an. Weltweit werden gegenwärtig nur 12 % mittels (werk)stofflichem Recycling durch mechanische (physikalische) Aufbereitung verwertet, Etwa 25 Masse-% werden thermisch behandelt, was jedoch nicht immer einer energetischen Verwertung entspricht. Die überwiegende Menge der Kunststoffabfälle wird geordnet deponiert oder illegal abgelagert (Hundert-mark et al. 2018).Innerhalb der Europäischen Union (EU) ist die Situation betreffend Verwertung von Kunststoffabfällen zwar deutlich besser, aber dennoch weit von erreichbaren bzw. zu erreichenden Zielquoten entfernt welche im Gemeinschaftsrecht bereits verbindlich verankert wurden. In der EU werden pro Jahr 56,1 Mio. t Primärpolymerwerkstoffe und zusätzlich 4,9 Mio. t Sekundärpolymerwerkstoffe zur Produktion von insgesamt 55,2 Mio. t Gebrauchsgütern aus Kunststoffen verwendet. Durch deren Verwendung entstehen Kunststoffabfälle unterschiedlicher Herkunft und Zusammensetzung.



Copyright: © Lehrstuhl für Abfallverwertungstechnik und Abfallwirtschaft der Montanuniversität Leoben
Quelle: Recy & Depotech 2020 (November 2020)
Seiten: 6
Preis inkl. MwSt.: € 3,00
Autor: Dr. Peter Hodecek, MBA

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