Vom Vergessen: Nachsorge zwischen Mythos und Wirklichkeit

Kennen Sie ein Amt, das stillgelegte Betriebe seit 100 Jahren überwacht? Eben. Die Nachsorge geht vergessen. Daher müssen wir Deponien als zwar belastete, aber nicht überwachungsbedürftige Standorte konzipieren. Das heisst: Schadstoffpotential herunterfahren, Verdünnung zulassen oder sanieren.

1960 legte der Kanton Zürich seinen ersten Kataster der belasteten Standorte an. Ob vorher schon etwas Ähnliches bestand ist unklar. Es wäre bereits vergessen. Mit dem „Deponiekonzept 1973“ erarbeitete der Kanton einen verbesserten Kataster der belasteten Standorte und definierte ein individuell konkretes System von Massnahmen. Während der nächsten 10 Jahre wurde viel Arbeit und damit Geld in Sanierungen und Überwachungen von Deponien gesteckt. Als Resultat erhielten wir einen Haufen Archivmaterial, Dutzende von Deponiestandorten wurden stillgelegt, rekultiviert und überwacht. Das Schadstoffpotential wurde selten reduziert. Innerhalb vielleicht 10 Jahren gingen die Überwachungen in aller Regel wieder vergessen.
Zwischen 1990 und 2000 erarbeitete der Kanton neu einen elektronischen „Altlastenverdachtsflächenkataster“. Er wies nun zusätzlich zu den Altdeponien Industrie- und Unfallstandorte aus. Zwischen 2000 und 2011 wurde ein neuer „Kataster der belasteten Standorte“ erarbeitet. Er ist im Internet als GIS Anwendung interaktiv nutzbar und kostete über 50 Mio. €.
In 50 Jahren finanzierte der Kanton Zürich damit 4 Datenbanken zur Registrierung von belasteten Standorten. Aufgabe war immer, den Nachfahren zu zeigen, welche Standorte mit Abfällen belastet sind und sie vor dem Vergessen zu retten. Ich habe dazu wenige Bemerkungen: Diesen naturwissenschaftlichen Aufwand soll man sich leisten. Ich bin ein klarer Befürworter von Altlastkatastern. Aber: Das naturwissenschaftliche Wissen liegt in den Datenbanken, nicht in den Köpfen der Gesellschaft. Die Gesellschaft vergisst oder verdrängt das. Langzeitüberwachungen passiert dasselbe. Denn Gesellschaften funktionieren eher nach soziologischen als nach naturwissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten. Dazu seien zwei unspektakuläre Beispiele erwähnt.



Copyright: © Wasteconsult international
Quelle: Praxistagung 2012 (Dezember 2012)
Seiten: 11
Preis: € 5,50
Autor: Dipl. Natw. ETHZ Christian Sieber

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