Synergien im Gewässer-, Boden-, Arten- und Klimaschutz am Beispiel von Flussauen

Die Begradigung von Fließgewässern und das Drainieren von Auen führten zu einem Landnutzungswandel von Grünland zu Ackerbau. In der Folge kam es zur klimaschädlichen Mineralisierung der organischen Bodensubstanz, stiegen Oberflächenabfluss und Bodenerosion, und die Fließgewässer kolmatierten und verschlammten, was vor allem für kieslaichende Fische und Makroinvertebraten
problematisch ist. Durch einen integrativ-systemischen Ansatz der Wiedervernässung lassen sich
gleichzeitig Verbesserungen beim Gewässer-, Boden-, Arten- und Klimaschutz erzielen.

 Fließgewässer sind vierdimensional vernetzte Systeme, die longitudinal, lateral, vertikal und zeitlich mit ihrer Umgebung interagieren [1]. Durch strukturelle Eingriffe des Menschen wurde dieser Charakter von Fließgewässern und deren Abflussregime in nahezu allen dicht besiedelten Gebieten weltweit stark verändert [2], was zu einer besonderen Gefährdung und dem starken Rückgang aquatischer Biodiversität führte, der weit drastischer als in vielen terrestrischen Systemen ausfällt [3], [4].
Bemerkenswert ist dabei, dass die Begradigung und der Verbau von Fließgewässern meist aus einem gesellschaftlichen Konsens heraus getragen wurde, um z. B. die Schiffbarkeit von Gewässern oder die hygienischen Bedingungen zu verbessern. Als klassisches Beispiel hierfür ist die Begradigung des Rheins durch Tulla und seine Nachfolger vor etwa 200 Jahren zu nennen. Auch am bayerischen Lech wurde – wie an den meisten Gewässern 1. oder 2. Ordnung – der ursprünglich verzweigte und mäandrierende Flussverlauf durch ein begradigtes Gerinne ersetzt. Aus der Laufverkürzung resultiert eine Veränderung des Erosions-Sedimentationsgleichgewichts, die zu einer bis heute andauernden Eintiefung von ca. 2,5 cm/a führte, die mittlerweile zu mehreren Metern akkumulierte und eine ebenso starke Absenkung des Grundwassers bewirkte. In der Folge kam es im Gewässer selbst als auch in der ehemaligen Flussaue zu einer Vielzahl von Veränderungen [4].

Intakte Flussauen mit ihren periodisch wiederkehrenden Überflutungen wurden klassischerweise vor allem als Grünland genutzt. Historische Bodenschätzungsergebnisse belegen, dass selbst die Finanzverwaltung diese Form der Nutzung in der Talaue in der Regel als die wirtschaftlichste bewertete, die der ackerbaulichen Nutzung in nichts nachstand (Bild 1). Erst die mit der Begradigung einhergehende Eintiefung von Fließgewässern ermöglichte dann das Drainieren der ehemals grundwassernahen Gewässerauen (Bild 2), was vielerlei Folgen hatte. Eine Folge war, dass sich durch die „Trockenlegung" der Auen die Ertragsfähigkeit des Grünlandes so stark verschlechterte, dass eine Umwandlung von Grünland in Ackerland wirtschaftlich notwendig wurde. Diese Verschlechterung relativ zur Ackernutzung liegt daran, dass die Wiederbeblätterung nach Schnitt, Beweidung oder Seneszenz beim Grünland bereits bei Blattwasserpotenzialen -0,2 MPa eingeschränkt wird und bald ganz zum Erliegen kommt, während bei Ackerkulturen, deren Blattapparat im Sommer bereits voll ausgebildet ist, die Photosynthese erst ab Blattwasserpotenzialen von -1,2 MPa teilweise eingeschränkt wird. Zudem wurzelt Grünland wesentlich flacher als Ackerkulturen, da durch jeden Blattverlust auch das Wurzelsystem - zeitversetzt - neu aufgebaut werden muss [5]. Daher ist eine hohe Wasserverfügbarkeit selbst im Oberboden notwendig (Bild 3). Durch die Grundwasserabsenkung hat daher das Grünland beispielsweise in Bayern zwischen 1960 und 2018 um 641 000 ha abgenommen. Bezogen auf die Gesamtlänge des Fließgewässernetzes von rund 100 000 km entspricht dies einem Grünlandstreifen von 32 m Breite auf beiden Seiten aller Fließgewässer.



Copyright: © Springer Vieweg | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Quelle: Wasserwirtschaft - Heft 11 (November 2019)
Seiten: 6
Preis: € 10,90
Autor: Prof. Jürgen Geist
Prof. Dr. Karl Auerswald

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