Schluss mit der Ökomoral

INTERVIEW - Klimaschutz und weitere ökologische Themen besitzen in der aktuellen politischen Debatte einen großen gesellschaftlichen Stellenwert. Hierbei geht es vorrangig um die Frage, auf welchem Weg und durch welche Maßnahmen die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung tatsächlich erreicht werden können. Kommt es auf individuelle Verhaltensänderungen oder auf eine Veränderung der Verhältnisse an?
Die Redaktion von WASSER UND ABFALL hat hierzu Dr. Michael Kopatz interviewt, der sich seit Längerem mit diesem Themenkomplex intensiv befasst.

WASSER UND ABFALL: In Ihrem aktuellen Buch „Schluss mit der Ökomoral – Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken" stellen Sie fest, dass wir verantwortungsvoll leben können, ohne uns tagtäglich mit den globalen Umweltproblemen zu beschäftigen. Welche Einsicht und Erfahrung verbirgt sich hinter dieser steilen These?

Dr. Michael Kopatz: Mit ihren Moralvorstellungen sind die Bundesbürger ganz weit vorne. Neulich fragte mich jemand nach dem Vortrag: „Herr Kopatz, stimmt es, dass sie in diesem Sommer mit einem Wohnmobil Urlaub gemacht haben?" Ich war zunächst perplex. War das ein Vorwurf? Leider erlebe ich das immer wieder, dass man sich an mir abarbeitet: „Der macht ja auch nicht alles richtig!" Das stimmt! Ich bin nicht perfekt. Ich bin auch gar kein Moralapostel. Weder lebe ich das ökoperfekte Leben vor noch erwarte ich das von meinem Umfeld. Ökomoral kann nerven. Vor allem, wenn sie scheinheilig ist. Und wie können wir »die Welt retten, ohne ständig daran denken«? Nun, die erste Einsicht ist: Wir können das kollektive Problem Klimakrise nicht individuell lösen. Es geht nicht darum, dass jeder bei sich anfängt, dass jeder verzichtet. Das kann bitte gern tun, wer möchte. Viel wichtiger als privater Konsumverzicht ist jedoch politisches Engagement, etwa in Form von Protesten und Demonstrationen.

Akute Umweltprobleme waren in den letzten Jahrzehnten ein wesentlicher Treiber für die die Entwicklung eines breiten Umweltbewusstseins in der Bevölkerung. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Instrumente der Öffentlichkeitsarbeit, Modellprojekte und freiwilligen Verpflichtungen der Wirtschaft? Sind dies nicht wesentliche Voraussetzungen, um Umweltpolitik erfolgreich zu gestalten?

Über 30 Jahre Umweltbildung, Kampagnen, Broschüren, Betroffenheitsdokumentationen haben bewirkt, dass die Menschen mit schlechten Gewissen Ressourcen verschwenden. Sie tun es dennoch. Die Bildungsarbeit hat aber auch bewirkt, dass konsequente Maßnahmen beim Klimaschutz begrüßt werden. Das zeigen mir regelmäßig durchgeführte Befragungen. Der einzelne Bürger und auch der einzelne Unternehmer ist mit dem Problem Klimahitze überfordert. Da hilft auch keine Öffentlichkeitsarbeit. Die Erfolge im Umweltschutz basieren alle samt auf politischer Steuerung. Ich kenne auch keine freiwillige Vereinbarung, die ohne politischen Druck durchschlagenden Erfolg hatte.

Mit gutem Beispiel vorangehen, ist eine begründete Forderung für alle Lebenslagen! Setzt nachhaltiges Handeln nicht voraus, dass jeder Einzelne durch seinen Lebensstil dazu beitragen muss, um unseren Kindern und Enkelkindern eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen?

Das ist leider eine völlig naive Vorstellung. Wenn ich für den Klimaschutz auf mein Auto verzichte, fühle ich mich ziemlich alleine, weil in meiner Nachbarschaft niemand mitmacht. Und dann denkt man sich: „Was hat das für einen Sinn?" Und wenn ich auf den Flieger verzichte, sehe ich ja zu gleich: Der Flughafen ist trotzdem voll. Das fühlt sich blöd an. Lieber steige ich dann in das Flugzeug und lästere über die Menschen im Kreuzfahrtschiff.



Copyright: © Springer Vieweg | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Quelle: Wasser und Abfall 01/02 (Februar 2020)
Seiten: 3
Preis inkl. MwSt.: € 10,90
Autor: Dr Michael Kopatz

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