Chemiewaffenvernichtung in Russland - Anlagen-Vorabnahme im Werk Holzgerlingen
Böblingen, 10. September 2008. Das 1997 in Kraft getretene ChemiewaffenĂŒber-einkommen (CWĂ) schreibt allen Vertragsstaaten vor, dass bis 2012 alle weltweit noch existierenden chemischen Kampfstoffe sicher und umweltfreundlich vernichtet sein mĂŒssen. Die Bundesregierung hat sich auf dem G8-Gipfel in Kananaskis 2002 mit der Initiative âGlobale Partnerschaft gegen die Verbreitung von Massenvernich-tungswaffen und âmaterialienâ verpflichtet, die Russische Föderation bei dieser schwierigen und sehr umfangreichen Aufgabe zu unterstĂŒtzen.
Einen wichtigen Beitrag dazu stellt ein 2009 in Potschep 500 km sĂŒdwestlich von Moskau in Betrieb gehender Anlagenkomplex dar, dessen Vorabnahme in Anwesenheit hochrangiger Behördenvertreter beider LĂ€nder jetzt beim Anlagenbauer EISENMANN erfolgt ist.
EISENMANN mit Stammsitz in Böblingen und Holzgerlingen bei Stuttgart gilt als einer der weltweit fĂŒhrenden Systemlieferanten fĂŒr OberflĂ€chen-, Umwelt- und Spezial-Ver-fahrenstechnik. Das Unternehmen hat eine Vielzahl komplexer Fabrikanlagen schlĂŒsselfertig erstellt und in Betrieb genommen. Das Know-how aus ĂŒber 25 Jahren Erfah-rung beim Anlagenbau zur Abluftreinigung und Abwasserbehandlung sowie insbeson-dere zur thermischen Verwertung bzw. Entsorgung von AbfĂ€llen und Reststoffen unterschiedlichster Art wurde dazu genutzt, auch auf dem Gebiet der Chemiewaffenvernichtung effiziente Lösungskonzepte zu entwickeln und in die Praxis umzusetzen. Im Vordergrund steht dabei die umweltfreundliche Vernichtung der bei der Detoxikation der chemischen Kampfstoffe entstehenden Reaktionsmassen durch Verbren-nung. Damit ist eine Reihe weiterer wichtiger technischer Aufgabenstellungen verbun-den. So mĂŒssen beispielsweise alle mit den Giftstoffen in BerĂŒhrung gekommenen Betriebsmittel schadlos vernichtet werden. AuĂerdem ist fĂŒr sicheres vollautomati-sches Handling aller toxischen Materialien Sorge zu tragen, um eine GefĂ€hrdung des Betriebs- und Ăberwachungspersonals auszuschlieĂen.
VorlÀufer Kambarka
Als erfolgreiches Beispiel fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland sei insbesondere die nahezu abge-schlossene Chemiewaffenvernichtung in Kambarka / Udmurtien (SĂŒdural) genannt. An der Errichtung dieser Anlage war EISENMANN gemeinsam mit einem weiteren deutschen Anlagenbauer maĂgeblich beteiligt. Seit MĂ€rz 2006 lĂ€uft dort die Vernich-tung von rund 6.350 t des in 80 Zisternen gelagerten arsenhaltigen Hautkampfstoffes Lewisit. Zuerst erfolgt die chemische Neutralisation durch alkalische Hydrolyse, ein von russischer Seite entwickeltes Spezialverfahren. Danach werden die hochgiftigen flĂŒssigen und gasförmigen Reaktionsmassen in einem Hochturbulenzreaktor âTuraktor®â, feste Reststoffe in einem Herdwagenofen verbrannt. Ein komplexes Rauchgasreinigungssystem mit nachgeschalteter Abwasserbehandlung sorgt dafĂŒr, dass keinerlei Schadstoff in die Umwelt gelangt. Folgeauftrag Potschep Aufgrund der positiven Betriebserfahrungen in Kambarka erhielt EISENMANN im letzten FrĂŒhjahr einen noch erheblich gröĂeren â wiederum vom AuswĂ€rtigen Amt finanzierten â Auftrag der Russischen Föderation, bei dem es um die Vernichtung hochtoxischer phosphororganischer Verbindungen geht. AuĂerhalb von Potschep, einer 17.000-Einwohner-Stadt im Gebiet Brjansk, lagern abgefĂŒllt in ĂŒber 67.000 Fliegerbomben rund 7.500 t der Nervenkampfstoffe Vx, Sarin und Soman. Auch in diesem Fall werden die Kampfstoffe in einem ersten Schritt von russischer Seite waffenuntauglich gemacht. Danach ĂŒbernimmt der von EISENMANN als Generalauftragnehmer gelieferte Anlagenteil die thermische Entsorgung der bei der Umwand-lung entstehenden hochgiftigen Reaktionsmassen und Reststoffe. Auch das GebĂ€ude, das neben den benötigten verfahrenstechnischen Anlagen u.a. Einrichtungen zum Reinigen und Zerschneiden der entleerten Munitionskörper sowie BĂŒro- und SozialrĂ€ume aufnehmen wird, gehört samt umfangreicher LĂŒftungstechnik und allen erforderlichen Sicherheitseinrichtungen zum EISENMANN-Lieferumfang. Die feierliche Grundsteinlegung in Potschep ist am 10. Juni 2008 vor offiziellen Vertretern beider LĂ€nder erfolgt. Verfahrenstechnik zur Vorabnahme fertiggestellt Zur schadlosen Verbrennung der flĂŒssigen und gasförmigen Reaktionsmassen bei ca. 1.200 °C werden in Potschep aus KapazitĂ€ts- und FlexibilitĂ€tsgrĂŒnden zwei separate Linien, KapazitĂ€t je 1.000 kg/h, installiert. Den beiden Hochturbulenzreaktoren sind jeweils (im Vergleich zu Kambarka noch aufwĂ€ndigere) Rauchgas-reinigungsanlagen mit Quenche, WĂ€scher- und Filtereinrichtungen nachgeschaltet. Eine weitere Linie, im Wesentlichen aus einem Herdwagenofen mit angeschlossener Rauchgasreinigung bestehend und fĂŒr eine KapazitĂ€t von max. 900 kg/h ausgelegt, dient der Verbrennung fester Stoffe. Das sind z.B. kontaminierte Schutzkleidung, Holzgestelle und andere Verpackungen sowie Aktivkohle und Aluminiumoxid aus der Abluftreinigung. AuĂerdem werden entleerte Munitionskörper vor dem Zerschneiden in dieser Linie ausgeglĂŒht. Zur Sicherstellung des geforderten abwasserfreien Betriebs ist eine mehrstufige Abwasserbehandlungsanlage mit Verdampfer vorgesehen. Aufbereitetes Abwasser wird in den Betriebskreislauf zurĂŒckgefĂŒhrt. Ein interdisziplinĂ€res Team aus gröĂtenteils Kambarka-erfahrenen EISENMANN-Ingenieuren und -Technikern hat das Potschep-Projekt so geplant und konstruiert, dass die umfangreiche Fertigung in Holzgerlingen pĂŒnktlich zum geplanten Termin abgeschlossen werden konnte. Vormontierte Teilanlagen und Baugruppen wurden in einer der groĂen Montagehallen funktionsgeprĂŒft und zur (am 09. September 2008 erfolgten) Vorabnahme durch den russischen Endkunden bereitgestellt. AnschlieĂend an den Transport der Teile nach Russland erfolgen dann Endmontage und Inbetriebnahme vor Ort.
Positiver Beitrag zur AbrĂŒstung
Die Ăchtung chemischer Kampfstoffe und die Vernichtung vorhandener Chemie-waffen ist zweifellos ein im Interesse der Allgemeinheit gar nicht wichtig genug einzuschĂ€tzendes Ziel, und EISENMANN sieht seinen Anteil daran durchaus mit Stolz. DarĂŒber hinaus sei an dieser Stelle angemerkt, dass sich das Unternehmen auch bei der Entsorgung konventioneller Fundmunition mit innovativer Anlagen-technik Meriten erworben hat.
V.l.n.r.: Clemes Binninger (MdB), Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Böblingen; Dr. Kersten Link, Mitglied des Vorstands EISENMANN AG; Botschafter Claus Wunderlich (AuswÀrtiges Amt); General Valeri Petrowitsch Kapaschin (Russische Föderation); Alexander Bonde (MdB); Winfried Nachtwei (MdB)
Verbrennung mit Turaktor®
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