E-Paper ist derzeit noch keine ökologische Alternative für herkömmliche Zeitungen

Neue Studien: Bei der elektronischen Zeitung müssen Umweltaspekte frühzeitig berücksichtigt werden

Berlin. Die elektronische Zeitung, das "e-Paper", ist der herkömmlichen Papierzeitung unter ökologischen Aspekten unterlegen. Allerdings wäre es zum jetzigen Zeitpunkt noch möglich, die Entwicklung des e-Paper so zu gestalten, dass Umweltentlastungseffekte erzielt werden können. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür wäre, dass die Datenpakete mit den aktuellen Zeitungsinhalten über digitale Rundfunknetze verbreitet werden. Im ungünstigsten Fall, bei einer Verbreitung über das energieaufwendige UMTS-Netz, könnte die Innovation e-Paper Klimaschutzbemühungen erschweren. Dies geht aus zwei neuen Studien hervor, die das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) jetzt veröffentlicht hat. Die beiden IZT-Falluntersuchungen entstanden im Rahmen des BMBF-Projektes "E-nnovation: E-Business und nachhaltige Produktnutzung durch mobile Multimediadienste".

Geht es nach den Plänen namhafter Hersteller wie Philips oder Siemens oder verschiedenen Verlagshäusern, dann wird der Zeitungsleser spätestens in drei bis fünf Jahren sein persönliches, elektronisches Zeitungslesegerät mit sich herumtragen. Mehrmals pro Tag könnte das neue Gerät mit den display-ähnlichen, hauchdünnen Folien aktualisierte Zeitungsausgaben empfangen. Der Einstz von E-Paper-Technologien wird bisher aufgrund ihres geringeren Gewichts und Stromverbrauchs als ökologisch vorteilhaft eingeschätzt. Befürworter dieser Technik argumentieren, dass das elektronische Papier das gedruckte Papier ersetzen und damit einen Beitrag zum Schutz der Umwelt und zur Ressourcenschonung leisten könnte. Insbesondere der enorme Energieaufwand für das Herstellen des täglich neu benötigten Zeitungs-Druckpapiers könnte entfallen. Das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) hat diese Argumente in zwei Studien überprüft.

Bei der ökobilanziellen Betrachtung von Geschäftsmodellen, die e-paper als Download per PC beziehungsweise Laptop oder mobil über UMTS anbieten, schneidet e-Paper erheblich schlechter ab als die herkömmliche Papierzeitung, so das IZT. Bei beiden Geschäftsmodellen ergibt sich demzufolge eine 10- bis 40-fach höhere Umweltbelastung gegenüber dem Lesen der gedruckten Zeitung.

Laut Dipl.-Ing. Christian Kamburow, der am IZT den ökobilanziellen Vergleich durchführte, übersteigt insbesondere der Energieverbrauch für die individualisierte Datenübertragung über das energieaufwendige UMTS-Netz die möglichen Energieeinsparungen bei den Endgeräten: "Wird UMTS-Mobilfunk genutzt, können die ökologischen Vorteile der zukünftigen mobilen e-Paper-Endgeräte durch die Möglichkeit, individuell zugeschnittene Zeitungsinhalte via UMTS überall und jederzeit mit großem Energieaufwand verfügbar zu machen, überkompensiert werden. Dies macht aus ökologischer Sicht diese Form der Verbreitung der elektronischen Zeitung über das Mobilfunknetz unvorteilhaft."

Auf der Suche nach alternativen Datenübertragungswegen konnte das IZT mit den beiden digitalen Rundfunknetzen DAB (Digital Audio Broadcasting) und DVB-T (Digital Video Broadcasting - Terrestrial) zwei Wege identifizieren, die deutlich weniger Energie für das Versenden der Zeitungen benötigen. Demzufolge stellt die Datenübertragung der Inhalte der elektronischen Zeitung auf das Lesegerät via DAB oder DVB-T eine Möglichkeit dar, den niedrigen Energieaufwand für die Herstellung und den Gebrauch eines Foliendisplays mit dem sehr niedrigen Energieaufwand der Datenübertragung über die Infrastruktur des digitalen Rundfunks zu verknüpfen. IZT-Projektleiter Siegfried Behrendt betont die Vorteile der hauchdünnen, display-ähnlichen e-Paper-Folien: "Die Zeitungen auf elektronischem Papier haben durch ihren vergleichsweise geringen Herstellungsaufwand große ökologische Vorteile, die sie bei der Verbreitung über digitale Rundfunknetze voll ausspielen könnten."

Ob es dazu kommt, hängt den Studien zufolge auch entscheidend von der Akzeptanz ab, das heißt inwieweit die elektronische Zeitung vom Kunden als Alternative zur gedruckten Zeitung genutzt werden wird. So werde seit langem diskutiert, das herkömmliche Papier durch digitale Netze und Darstellungstechniken abzulösen. Bisher seien die elektronischen Medien aber nicht in der Lage gewesen, das Papier zu verdrängen, so die IZT-Wissenschaftler. Auch mobile digitale Lesegeräte wie beispielsweise die E-Books hätten es bisher nicht geschafft, herkömmliche Printmedien zu verdrängen.

Neben unsicheren Erlösmodellen (fehlende Bereitschaft der Konsumenten für Online-Informationen zu zahlen), den Schwierigkeiten beim Abrechnen kleiner Zahlungsbeträge (Microbilling), der unsicheren Datenübertragung und den Unsicherheiten beim Copyright verzeichnen die IZT-Studien vor allem auch technische Hemmnisse. So könnten Online-Informationen bisher weitestgehend nur an Computern oder Notebooks mit halbwegs befriedigender Lese- und Nutzungsqualität empfangen werden. Bei kleineren mobilen Endgeräten sehen die Studien noch Mängel bei der Lesefreundlichkeit und bei der Navigationsmöglichkeit. Die Zugriffsgeschwindigkeit sei bisher für viele Nutzer unbefriedigend und die nutzerfreundliche Speichermöglichkeit relevanter Informationen in ein eigenes elektronisches Archiv sei noch nicht gegeben.

E-Paper könnte einige der technisch bedingten Nachteile wie mangelnde Handhabbarkeit, Bequemlichkeit und Lesbarkeit herkömmlicher Lesegeräte ausräumen und somit die Akzeptanz für elektronische Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher steigern. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass E-Paper zu einem ernstzunehmenden Ersatz für traditionelle Printmedien werden kannn. IZT-Projektleiter Siegfried Behrendt schätzt auf der Basis einer Expertenumfrage in deutschen Verlagshäusern, dass das Marktpotenzial von E-Paper auf dem Printmarkt bei 20 Prozent liegen wird. Der Erfolg einer Markteinführung sei jedoch stark abhängig vom Preis für das Endgerät. Zeitungsleser seien kaum bereit, teure Geräte speziell für das Lesen von Zeitungen anzuschaffen. Auch stünden die hohen Kosten für Telekommunikationsdienste bisher noch einer weiten Verbreitung entgegen. Angebote, wie sie derzeit für eine schnelle Übertragung großer Datenmengen auf mobile Rechner existieren, müssten deutlich günstiger werden, so Behrendt.

Unsicherheiten bei der Technologieentwicklung, der Markteinführung sowie bei Geschäfts- und Erlösmodellen könnten minimiert werden, wenn man sich mit diesen Aspekten frühzeitig auseinandersetzt. Die Ökologie stellt laut Behrendt einen wesentlichen Erfolgsfaktor bei der Einführung dieser neuen Technologie dar. Behrendt: "Werden Umweltaspekte nicht oder nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt, ist eher wahrscheinlich, dass die e-Paper-Technologie im Falle einer Massenverbreitung den Energieverbrauch drastisch ansteigen lässt und somit den internationalen Bemühungen zum globalen Klimaschutz, zu dem sich auch die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet hat, entgegenläuft."

Hinweis:
Die Studien können zum Preis von 15 Euro per eMail (e.thiede@izt.de) beim IZT bestellt werden und stehen auch kostenlos zum Download zur Verfügung:
Behrendt, Siegfried: "Dematerialisierung durch e-Paper?", IZT-WerkstattBericht Nr. 66, ISBN-Nr. 3-929173-66-2, Berlin 2004, 49 S, 15 EUR.
(Die Studie untersucht, wie elektronisches Papier die Mediennutzung verändern könnte, inwieweit sich daraus Chancen für eine nachhaltige Produktnutzung im Medienbereich ergeben, welche Einflussfaktoren speziell das ökologische Profil beeinflussen und welche Gestaltungsaufgaben sich im Vorfeld der Markteinführung stellen )
Download: http://www.izt.de/publikationen/werkstattberichte/wb66_-_dematerialisierung_e-paper.html

Kamburow, Christian: E-Paper - Erste Abschätzung der Umweltauswirkungen. Eine ökobilanzielle Betrachtung am Beispiel des Nachrichtenmediums Zeitung. IZT-WerkstattBericht Nr. 67, Berlin 2004, ISBN-Nr. 3-929173-67-0, 87 S., 15 EUR.
(Elektronisches Papier, kurz e-Paper, wird bereits seit vielen Jahren von den verschiedensten Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickelt. Die Bezeichnung "e-Paper" dient als Sammelbegriff für unterschiedlichsten Technologien, die dünne, biegsame und sehr stromsparende Displays zum Ziel haben. Erste Anwendungen sind bereits erhältlich oder werden in den kommenden Jahren die Marktreife erlangen. Nicht nur die Substitution von herkömmlichen Bildschirmen, wie Kathodenstrahl- oder LCD-Bildschirmen, wird verfolgt, sondern auch die Konvergenz von elektronischen Medien und Papier ist ein erklärtes Ziel fast aller Beteiligter. Sollten alle angekündigten Eigenschaften von e-Paper realisiert werden, so erscheint es wahrscheinlich, dass das neue Medium auch in der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche Einzug halten wird. Bereits bestehende Papier- und Internet-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften würden durch Zeitungen auf elektronischem Papier ergänzt werden - vielleicht sogar teilweise verdrängt werden. Die vorliegende Studie vergleicht zum ersten mal die Umwelteigenschaften der drei Zeitungsformen anhand der jeweiligen Energieaufwendungen und untersucht insbesondere die Zeitung auf elektronischem Papier.)
Download: http://www.izt.de/publikationen/werkstattberichte/wb67_-_e-paper_-_erste_abschaetzung_der_umweltauswirkungen.html

Kontakt: IZT Berlin, Schopenhauerstr. 26, D-14129 Berlin, Siegfried Behrendt, Projektleiter, Tel.: 030-803088-10, eMail: s.behrendt@izt.de
Christian Kamburow, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Tel. 030-803088-42, eMail: c.kamburow@izt.de, Internet: www.izt.de.

Hinweise auf weitere Studien zur Nachhaltigen Informations- und Kommunikationstechnik: www.sustainable-ict.info



Copyright: © Rhombos Verlag (11.05.2005)
 
Name:

Passwort:

 Angemeldet bleiben

Passwort vergessen?