500 Jahre altes Kraftwerk soll ans Stromnetz gehen

Regen ist das Erd√∂l von gestern. Zumindest im Harz. Dort entstand ab dem 15. Jahrhundert eine Art der Wasserenergienutzung, die weltweit wohl einmalig sein d√ľrfte. Momentan bem√ľht sich die Region um den Weltkulturerbestatus f√ľr das "Oberharzer Wasserregal".

Der Regen, der √ľber dem Brocken niedergeht, war fr√ľher zwar kein Gold, aber doch immerhin Silber wert. Schon im Mittelalter bauten die Menschen im Harz das dort reichlich vorhandene Edelmetall ab. Dabei stie√üen sie recht schnell auf ein Problem, das auch heutige Bergleute noch besch√§ftigt: Die Trockenhaltung der Grubenbauten.
Ursache ist das so genannte Kluftwasser, das aus dem umgebenden Gestein in die Stollen strömt - je tiefer, desto mehr. Die Harzer Bergleute trieben den Teufel schließlich mit dem Beelzebub aus: Sie nutzten das Regenwasser zum Antrieb von Pumpen, mit denen sie dann ihre Gruben entwässerten. Um Clausthal und Zellerfeld setzte man also schon vor mehr als 500 Jahren auf regenerative Energie.
Und das ziemlich effizient: "Drei Viertel aller Regentropfen, die √ľber der wasserwirtschaftlich genutzten Fl√§che des Harzes herabfielen, wurden zur Trockenlegung der Stollen und zum Betrieb der Bergwerke verwandt", betont Peter Welke. Der Lehrbeauftragte der Universit√§t Bonn besch√§ftigt sich seit vielen Jahren mit dieser weltweit wohl einmaligen Nutzung der Wasserkraft. Leider ist das ausgekl√ľgelte System aus Gr√§ben und Auffangbecken heute jedoch in einem schlechten Zustand. Das ist besonders schade, weil sich die Region momentan um den Weltkulturerbestatus f√ľr das "Oberharzer Wasserregal" bem√ľht.
Zusammen mit seinen Studenten f√ľhrt Welke regelm√§√üig Gel√§ndepraktika in der ehemaligen Bergbau-Region durch. Dabei konnte er zahlreiche Sch√§den dokumentieren, die er inzwischen in einer 50-seitigen Publikation in der Zeitschrift Siedlungsforschung (Band 25) festgehalten hat. Dennoch sei es sehr wohl m√∂glich, die Anlage wieder betriebsf√§hig zu machen, meint er. Der gelernte Physiker und Absolvent der fr√ľheren Bergakademie Clausthal hat sogar ausgerechnet, wie viel Strom das uralte Wasserkraftwerk liefern k√∂nnte: "Bei den augenblicklichen Preisen lie√üen sich damit Erl√∂se von mehreren Millionen Euro j√§hrlich erzielen. Das ist mehr als genug, um die Instandhaltung zu finanzieren." Auch Professor Dr. Winfried Schenk vom Geographischen Institut der Universit√§t Bonn pl√§diert daf√ľr, das einmalige Kulturdenkmal wieder herzurichten: "Warum sollte eine Anlage, die 500 Jahre lang zur Energieerzeugung eingesetzt wurde, das nicht auch heute wieder tun?" Den Verfall, den Welke im Laufe seiner Forschungsarbeiten dokumentiert habe, h√§lt Schenk f√ľr erschreckend - gerade auch angesichts der gro√üen kulturgeschichtlichen Bedeutung des Oberharzer Wasserregals.
Turmhohe Wasserräder unter Tage
Mitunter ist Welke selbst erstaunt, mit welcher Raffinesse die Bergleute damals vorgingen: √úber kilometerlange Gr√§ben, die nur ein minimales Gef√§lle aufwiesen, f√ľhrten sie das Wasser zu gro√üen Sammelbecken. Von dort leiteten sie es bei Bedarf zu den jeweils aktiven Gruben. Dort lie√üen sie das kostbare Nass unter Tage auf turmhohe Wasserr√§der fallen, die ihrerseits wieder Pumpen antrieben. Das seiner Lageenergie beraubte Wasser leiteten sie danach √ľber Dutzende von Kilometern in die Ebene ab. "Das Harzer System der Wassernutzung h√§tte auf jeden Fall verdient, zum Weltkulturerbe ernannt zu werden", betont Welke angesichts dieser Ingenieurs-Meisterleistung.
1930 wurden die Gruben im Harz geschlossen. Dennoch war das einmalige Kulturdenkmal bis 1965 noch in einem guten Zustand. Damals hatte die Preussag den Zustand des Grabensystems zum letzten Mal im Detail dokumentiert. "Im Prinzip hätte man es damals ohne größeren Aufwand direkt wieder in Betrieb nehmen können", meint Welke. Mitte der 90er Jahre gingen die Wassernutzungsrechte in der Region an die Harzwasserwerke GmbH. Im Gegenzug sollten diese das Grabensystem erhalten. Dennoch sind inzwischen zahlreiche Gräben teilweise trocken gefallen oder undicht geworden, wenn sie nicht gar völlig zerstört wurden. Peter Welke: "An eine Nutzung ist momentan ebenso wenig zu denken wie wohl auch an eine Anerkennung als Weltkulturerbe."
Bilder zu dieser Pressemitteilung gibt's im Internet unter http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen/239-2009
Kontakt:
Peter Welke
Geographisches Institut der Universität Bonn, Abt. Historische Geographie
Telefon: 0173/308-7373
E-Mail: Peter.Welke@geographie.uni-bonn.de
Professor Dr. Winfried Schenk
Geographisches Institut der Universität Bonn, Abt. Historische Geographie
Telefon: 0228/73-5871
E-Mail: schenk@giub.uni-bonn.de
Weitere Informationen:
http://www3.uni-bonn.de/Pressemitteilungen/239-2009 - Bilder zu dieser Pressemitteilung



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