Abseits von Olympia leidet China unter Wassermangel

Wirtschaftsboom, wachsende Städte, Olympische Spiele: Die Volksrepublik China steht derzeit voll im Fokus der Weltöffentlichkeit. Doch im Glanz sportlicher Wettkämpfe oder glitzernder Megacitys bleiben viele Probleme unbeachtet. "Es gibt tatsächlich so etwas wie das vergessene China", beklagt Sinologe Prof. Dr. Rainer von Franz von der Universität Leipzig.

19.08.2008 - Universität Leipzig, Dipl.-Journalist Tobias D. Höhn, Pressestelle

Wirtschaftsboom, wachsende St√§dte, Olympische Spiele: Die Volksrepublik China steht derzeit voll im Fokus der Welt√∂ffentlichkeit. Doch im Glanz sportlicher Wettk√§mpfe oder glitzernder Megacitys bleiben viele Probleme unbeachtet. "Es gibt tats√§chlich so etwas wie das vergessene China", beklagt Sinologe Prof. Dr. Rainer von Franz von der Universit√§t Leipzig. Als Beispiel f√ľr die zum Teil hausgemachten Schwierigkeiten nennt der Wissenschaftler die Versorgung der Bev√∂lkerung im Norden des Riesenreichs mit Wasser. Auch wenn dies nicht neu sei, versch√§rfe sich die Situation zusehends. Aber nicht nur dadurch gerate die chinesische Landbev√∂lkerung zunehmend unter Druck.

"Nordchina hat schon immer unter Wassermangel gelitten", erkl√§rt von Franz. So auch die Hauptstadt Peking. Und trotzdem wurden dort gro√üe Gr√ľnanlagen angelegt, die bew√§ssert werden m√ľssen, vom Wasserverbrauch der stetig wachsenden Bev√∂lkerung einmal ganz abgesehen. "Wie kann die Stadt diesen Wasserbedarf decken?", fragt der Professor und antwortet sogleich selbst: "Ich vermute, dass wieder einmal die Landbev√∂lkerung darunter leidet." Denn darin gibt es eine traurige Tradition: So werde am Ober- und Mittellauf des Huangho, des Gelben Flusses, seit Jahren Wasser abgesch√∂pft, um der Industrie und der st√§dtischen Bev√∂lkerung zur Verf√ľgung gestellt zu werden. Seit den 1990er Jahren sei der Fluss immer st√§rker ausgetrocknet und erreiche in manchen Jahren nicht einmal mehr seine M√ľndung. "Und das hat f√ľr die Provinzen erhebliche Auswirkungen", unterstreicht von Franz.

Etwa f√ľr die Landwirtschaft. "Die chinesischen Bauern waren schon immer darauf angewiesen, Brunnen zu graben", erl√§utert der Wissenschaftler. Doch die Lage ist durch die Austrocknung der Fl√ľsse immer schwieriger geworden. Mussten die Menschen auf dem Land fr√ľher etwa 20 Meter tief bohren, bis sie auf Wasser zu stie√üen, so sind es heute bereits √ľber 100 Meter. Dies hat zur Folge, dass die Bauern ihre Felder nur mit gr√∂√üter M√ľhe bew√§ssern k√∂nnen und die Ertr√§ge gerade noch dazu ausreichen, sich selbst zu ern√§hren. "Die Bauern leben buchst√§blich von der Hand in den Mund", so von Franz. Hinzu kommt das Problem, dass die Fl√ľsse, so sie denn noch Wasser f√ľhren, eher Kloaken denn Wasserspender sind. "Die Wasserfrage ist meiner Meinung nach das gr√∂√üte Problem Nordchinas", unterstreicht der Professor.

Aber nicht nur die schwierige Versorgung mit Wasser macht den Menschen auf dem Lande zu schaffen, mindestens ebenso problematisch ist die Frage des Landbesitzes. "Die Bauern haben das Land ja nur gepachtet, Eigentum konnten und k√∂nnen sie am vergesellschafteten Land nicht erwerben", erkl√§rt der Sinologe. Deshalb kann den Menschen der Boden, der sie ern√§hrt, auch sehr einfach weggenommen werden. "Wenn ein Industriekomplex oder auch eine Ferienanlage gebaut werden sollen, m√ľssen die Bauern ihr Land eben abgeben", berichtet von Franz. Damit werde den Menschen ihre Lebensgrundlage entzogen. Die Landwegnahme sei denn auch das h√§ufigste Motiv f√ľr Proteste, die immer wieder auch blutig ausgetragen werden. "Davon bekommen wir hierzulande aber kaum etwas mit", untermauert der Chinakundler seine These vom "vergessenen China".

Die Volksrepublik steht nach seinen Worten schon l√§ngst nicht mehr als Beispiel f√ľr den Weg zum Kommunismus. "Die Vergesellschaftung des Landes ist das einzige √úberbleibsel des Sozialismus", so Professor von Franz. Ansonsten herrsche in China reiner Kapitalismus mit einem Ein-Parteien-System. Die Kommunistische Partei und deren F√ľhrungseliten seien eng mit der Wirtschaft verflochten. Das hat fast absurd anmutende Folgen: Selbst wenn die Zentralregierung in Peking zum Beispiel Bestimmungen zum Umweltschutz erl√§sst, werden diese in den Provinzen einfach nicht umgesetzt. Die Parteisekret√§re vor Ort sorgen daf√ľr, dass die Unternehmen vor Kosten gesch√ľtzt werden, die ansonsten auf sie zu k√§men. So unterbleibe in der Regel der Bau von Kl√§ranlagen und Appelle zum Wassersparen verhallen ungeh√∂rt.

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Weitere Informationen:
Moderne Sinologie
Prof. Dr. Rainer von Franz
Telefon: (0341) 97-37152
E-Mail: vfranz (at) rz.uni-leipzig.de
www.uni-leipzig.de/~ostasien



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