Gemeinsame Jahrestagungen von DECHEMA und GVC richtungweisend für die Prozeßindustrien

Nachwachsende Rohstoffe und Biomasse nicht länger Außenseiter

Wiesbaden (20.09.2005). „Wenn wir mehr Innovation wollen, dann müssen wir unsere Kräfte noch stärker als bisher bündeln und fokussieren. Das betrifft die Zusammenarbeit innerhalb der nationalen und internationalen Gesellschaften ebenso wie zwischen Wissenschaft und Industrie“, erklärte der Vorsitzende der DECHEMA, Dr. Alfred Oberholz, am 6. September 2005 zur Eröffnung der gemeinsamen GVC/DECHEMA-Jahrestagungen in Wiesbaden. „Bildung und Forschung sind die einzigen Ressourcen, die wir in Deutschland und Europa haben, um im globalen Wettbewerb zu bestehen, und wir müssen so viel besser und schneller sein, wie wir teurer sind“, sagte er. An dem Lissabon-Ziel, bis zum Jahr 2010 die EU-Forschungsausgaben auf drei Prozent des EU-Bruttoinlandsprodukts zu steigern, müsse man unbedingt festhalten. Die Aufwendungen der europäischen für Chemie Forschung und Entwicklung (FuE) sind laut Oberholz deutlich hinter die USA und Japan zurückgefallen und lagen demnach in den vergangenen Jahren nur noch bei 1,9 Prozent.

Mehr als 1.100 Chemiker, Ingenieure und Nachwuchswissenschaftler aus akademischer Forschung und Industrie diskutierten auf dieser vierten gemeinsamen Jahrestagung der Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (GVC-VDI) und der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. (DECHEMA) vom 6. bis 8. September 2005 in Wiesbaden aktuelle Forschungsergebnisse und Entwicklungstrends für neue und nachhaltige Technologien. Die Schwerpunkte dieser Veranstaltung reichten von der Reaktionstechnik, Prozeßführung und Anlagentechnik über die Katalyse und Nanotechnologie bis hin zu Biokraftstoffen und energie- und ressourceneffizienten Verfahren. Die Jahrestagungen dienen als Plattform für Innovationen und Technologietransfer.

Neben der DECHEMA und der GVC beteiligten sich in diesem Jahr erstmals weitere Fachgesellschaften: die Interessengemeinschaft Prozeßleittechnik der chemischen und pharmazeutischen Industrie (NAMUR), die Deutsche Bunsengesellschaft für Physikalische Chemie (DBG), die Forschungsgesellschaft Verfahrenstechnik (GVT) und die Deutsche Wissenschaftliche Gesellschaft für Erdöl, Erdgas und Kohle (DGMK). Die Gesellschaften verbinden mit dieser Kooperation das Ziel, ihre Kräfte zu bündeln und Synergieeffekte zu erzeugen. Mit 400 Beiträgen konnten die Veranstalter das Informationsangebot um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern.

„Lassen Sie uns auf unsere Stärken besinnen“, forderte auch Ernst Schwanhold, Leiter des Kompetenzzentrums Umwelt, Sicherheit und Energie bei der BASF AG in Ludwigshafen in der Podiumsdiskussion zum Thema „Zukunft der Chemie in Europa –Rahmenbedingungen und Herausforderungen durch die Globalisierung“. „Die Chemie ist eine der wenigen geschlossenen Innovationsketten in Europa. In den Verflechtungen und Verbünden liegt unsere Position der Stärke gegenüber den aufstrebenden Industrienationen in Asien“, erklärte er. Um den Vorsprung bei den drei wichtigen Faktoren Ökonomie, Umwelt und Soziales zu erhalten, adressierte er als wichtige Forderungen an die Politik: Regelungen minimieren und Geschwindigkeitsaufnahme bei Innovationen. Die Umweltpolitik müsse nicht bis in jedes Detail politisch geregelt werden, die chemische Industrie könne mit Eigenverantwortung umgehen, sagte er.

„Wir müssen die Stärken stärken“, forderte Alfred Oberholz. „Die Rahmenbedingungen für Forschung und Industrie müssen so gestaltet werden, daß der Übergang von Invention zu Innovation nicht behindert wird. Forschungsgelder dürfen nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern sollten leistungsorientiert verteilt werden“. Für die Universitäten forderte er mehr Eigenverantwortung, Flexibilität und Entscheidungsfreiheit in der Personalpolitik. Nur so könnten sich Eliteuniversitäten entwickeln und nicht per Dekret.

Zwischen Forschung und Industrie habe sich eine neue Form der Zusammenarbeit entwickelt, bestätigten auch Prof. Erich Wintermantel von der TU München und Prof. Hans Hasse von der Universität Stuttgart. So hbet beispielsweise die BASF den Verfahrenstechnikern in Stuttgart zu Forschungszwecken innovative Software zur Prozeßsimulation zur Verfügung gestellt. „Die jungen Nachwuchsingenieure können so vom Know-How aus der Praxis profitieren und tragen mit ihren Ideen auch gleichzeitig zur weiteren Verbesserung der Simulations-Software bei“, betonte Hasse. Man müsse die Zusammenarbeit mit den Schnittstellen stärken, die Industrie in den Campus holen und bilaterale Industrie-Hochschul-Kooperationen stärken, betonte auch Wintermantel. Ebenso müsse die Vernetzung mit Nachbardisziplinen gepflegt werden, zum Beispiel mit Biologie, Maschinenbau, Elektronik oder Fertigungstechnik.

Um in chemischen und biotechnologischen Prozessen deutliche Effizienzsteigerungen zu erzielen, sind nach Auffassung von Experten Anstrengungen erforderlich, die weit über die bisherige Optimierung von Verfahren hinausgehen. Durch eine ganzheitliche Prozeßentwicklung, in die neue Verfahrenskonzepte eingebunden werden, sollen sollen bislang unerreichte Fortschritte gemacht werden. Als Beispiele nennen Experten eine Verringerung der Zahl der Prozeßschritte durch Integration von Reaktion und Produktaufarbeitung, Mikroverfahrenstechnik, Intensivierung des Wärme- und Stoffaustauschs, nichtklassische Formen des Energieeintrags sowie neue Konzepte in der Prozeßsteuerung.

„Die auf diesem Gebiet tätigen Fachgesellschaften (DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V., VDI-Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen (GVC) und Forschungsgesellschaft Verfahrenstechnik e.V. (GVT)) wollen die Aktivitäten in diesem Bereich bündeln und durch enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie vorantreiben“, erklärte Professor Norbert Schadler, Geschäftsführer Siemens AG, A&D Solutions Process Industries und zugleich Vorsitzender der GVC, zur Gründungssitzung der gemeinsamen Fachsektion Prozeßintensivierung am Rande der GVC/DECHEMA-Jahrestagungen am 7. September in Wiesbaden.

„Wir brauchen neue unkonventionelle Ansätze für die Prozeßintensivierung, sozusagen Revolution statt Evolution“, forderte auch Dr. Martin Strohrmann von der BASF AG. „Die Ingenieure werden diese Probleme nicht allein lösen, wir müssen die Grundlagen besser verstehen und die Netzwerke zu Hochschulen, Fachausschüssen oder EU-Partnern stärken.“

Vor zehn Jahren eher noch als abwegige Idee einiger Weniger gesehen und vielfach sogar abgelehnt, standen diesmal Themen wie Biokraftstoffe, Biodiesel und Strategien zur stofflichen Nutzung von Biomasse zu diesen Jahrestagungen hoch im Interesse des interdisziplinären Fachpublikums und der Presse. Nicht zuletzt deshalb, weil die Rohstoffmärkte und Kraftstoffpreise gerade auf Rekordniveau zielen und alternative Rohstoffquellen zumindest für die mittlere Zukunft erforderlich sind.

Daß aus nachwachsenden Rohstoffe wirtschaftlich bedeutende Chemieprodukte entstehen könnten, zeigten Prof. Herbert Vogel von der TU Darmstadt und Prof. Marquart Kunz von der Südzucker AG an Beispielen auf. Die sogenannten Bio-Grundchemikalien müssen, um mit den petrochemischen Grundchemikalien (zum Beispiel Olefine und Aromaten) konkurrieren zu können, in Bio-Zwischenprodukte, das heißt höherwertige Zwischenprodukte wie Ethanol, Glycerin, Hydromethylfurfural, Milchsäure oder Propylenglycol umgewandelt werden. Neue Prozeßideen und strategische Konzepte sind hier erforderlich. Während die Herstellung von Glycerin aus Ölen, von Ethanol aus Stärke oder Isomaltose aus Saccharose technisch bereits realisiert ist, sind andere Produkte wie Acrolein auf Basis von Glycerin oder Propylenglycol oder Milchsäure auf Basis von Zucker noch im Stadium von Forschung und Entwicklung.

Auch die Gentechnik könne hier neue Potentiale erschließen. Eine Trennung der Gentechnik zwischen grün – rot – weiß sei allerdings hier nicht sinnvoll, denn Forschung und Entwicklung auf diesen Gebieten sind eng verzahnt, und ohne grüne Gentechnik werde auch die weiße Biotechnologie nicht zum Erfolg kommen, erklärte Schwanhold.

Kontakt: DECHEMA e.V., Dr. Christina Hirche, Theodor-Heuss-Allee 25, D-60486 Frankfurt am Main, Tel. 069.7564-0, Fax -7564-201, eMail: presse@dechema.de, Internet: www.dechema.de



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