Zum Crash muß es nicht kommen!

Für die Wohnungswirtschaft zählen die Abfallgebühren zu den größten Kostentreibern. Sie stiegen allein von 1991–1999 bundesweit um durchschnittlich 124 Prozent und sind heute vielerorts die größte Kostenposition bei den kalten Nebenkosten. Um die Vermietbarkeit der Wohnungen zu erhalten, versucht die Wohnungswirtschaft nun durch abschließbare Müllstandplätze, Müllschleusen, Müllpressen oder aber Abfallmanagementsystemen gegenzusteuern. Unter dem Kostendruck drohen die unterschiedlichen Interessen von Wohnungs- und Abfallwirtschaft hart aufeinander zu stoßen.

In den 80er Jahren prägte der sich abzeichnende Müll-Notstand die abfallwirtschaftliche Diskussion. In der Folge wurden Erfassungssysteme für verwertbare Fraktionen massiv ausgebaut. Um die Verpackungsflut einzudämmen, die maßgeblich zum hohen Müllaufkommen beitrug, wurden die Verpackungsverordnung erlassen und das Duale System eingeführt. Abfallberater sollten die Bürger zur Wertstofftrennung ermuntern.

Mitte der 90er Jahre nahm die Diskussion einen neuen Verlauf. Der Umweltaspekt trat in den Hintergrund, oberstes Ziel der kommunalen Abfallwirtschaft war fortan die Gebührenstabilität. Diese war aber kaum zu erreichen, da die eingeführten Sammel- und Entsorgungssysteme dauerhaft finanziert werden müssen. Neue Gesetzesvorgaben wie das Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz und die TA Siedlungsabfall führten in den Kommunen zu einem neuen Müllnotstand mit entgegengesetzten Kennzeichen: die Entsorgungsanlagen waren plötzlich nicht mehr ausgelastet, viele der langfristig finanzierten Altdeponien müssen bereits 2005 stillgelegt werden. Ein Wettlauf um den verbleibenden Müll begann.

Auch in der Wohnungswirtschaft gab es einen Bewußtseinswandel. Anfang der 90er Jahre war Müll noch kein Thema. Die vergleichsweise niedrigen Müllgebühren waren durchlaufender Posten bei den Mietnebenkosten. Die Situation wandelte sich Ende der 90er Jahre. Rückläufige Bevölkerungszahlen und der Trend zum Eigenheim am Stadtrand ließen insbesondere in den Großwohnanlagen der 60er/70er Jahre den Leerstand stark ansteigen. Das Sozialniveau sank rapide, es drohte die Verslummung ganzer Stadtteile. Mit Programmen wie der „Sozialen Stadt“ versuchte man die Stadtteile attraktiver und sauberer zu machen. Zeitgleich mit der sinkenden Nachfrage nach Wohnraum schnellten die Preise für die Bruttomiete insbesondere infolge steigender Nebenkosten in die Höhe. Größter Kostentreiber waren dabei die Abfallgebühren, die allein von 1991–1999 bundesweit um durchschnittlich 124 Prozent gestiegen sind und heute vielerorts die größte Kostenposition bei den kalten Nebenkosten sind. Um die Vermietbarkeit der Wohnungen zu erhalten, versucht die Wohnungswirtschaft nun durch abschließbare Müllstandplätze, Müllschleusen, Müllpressen oder aber Abfallmanagementsystemen gegenzusteuern.

Unter dem Kostendruck drohen die unterschiedlichen Interessen von Wohnungs- und Abfallwirtschaft hart aufeinander zu stoßen. In der rapiden Ausweitung von Abfallmanagementsystemen sehen Vertreter der kommunalen Abfallwirtschaft die Gefahr, daß die Einnahmen vollends wegbrechen. Doch zu einem Crash muß es nicht kommen. In diesem Heft werden die wesentlichen Aspekte und Randbedingungen der Umsetzung von Abfallmanagementsystemen für die Wohnungswirtschaft diskutiert.

Dr. Ralph Hunklinger, Sven Hauke Kaerkes
(beide Geschäftsführer der Innotec abfall-management GmbH, Kiel)



Copyright: © Rhombos Verlag
Quelle: 04/2002 - Großwohnanlagen (Dezember 2002)
Seiten: 1
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