Bioökonomie in Deutschland – Stand, Perspektiven und Auswirkungen auf die Abfallwirtschaft

Eine zentrale globale Zukunftsaufgabe ist die Sicherstellung einer nachhaltigen, das heißt ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähigen Versorgung mit Rohstoffen und Energie. Bis 2050 soll die Energieversorgung in Deutschland weitestgehend über Erneuerbare Energien sichergestellt werden und dabei wird die Bioenergie eine wesentliche Rolle spielen. Die Versorgung der Wirtschaft mit organischen Ressourcen muss in diesem Jahrhundert weitgehend von fossilen Rohstoffen auf Biomasse umgestellt werden. In beiden Bereichen kann und muss die Abfallwirtschaft einen wesentlichen Beitrag leisten. Der Aufbau einer biobasierten Wirtschaft (Bioökonomie) wird eine Vielzahl neuer biobasierter Produkte mit sich bringen. Die Herausforderungen können nur durch die Implementierung einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft gemeistert werden.

Was ist die Bioökonomie? Warum ist sie in aller Munde und wird als zukünftige Wirtschaftsform propagiert? Die Bioökonomie umfasst alle Akteure, die Biomasse in ihren Stoffströmen nutzen. Sie reicht von der Zucht von Feldfrüchten über den Anbau, die Ernte, Verarbeitung, Nutzung in Produkten bis hin zur Sammlung, Aufbereitung und stofflichen bzw. energetischen Verwertung. Sie umfasst alle Wertschöpfungsketten und Branchen, die den agrarischen, forstlichen und marinen Produktions- und Ökosystemen entspringen. Die Bioökonomie kann daher als „Supra-Branche“ bezeichnet werden. Verknüpfungen dieser vielfältigen Wertschöpfungsketten sind oftmals erst im Begriff zu entstehen: die ältesten Wertschöpfungsketten liegen in der Nahrungsmittel- und Baubranche, wenn wir an den Fischer, Bäcker oder Tischler denken. Im Jahr 2014 wurden über 1,1 Mio. Beschäftigte und ein Umsatz von fast 200 Mrd. EUR der Bioökonomie in Deutschland zugeordnet [1]. Nun wird die Bioökonomie mit vielen Adjektiven näher beschrieben: Es gibt die wissensbasierte, die holzbasierte, die marine bzw. blaue sowie die zirkuläre Bioökonomie. Alle beschreiben wichtige Facetten: die Wertschöpfung aus dem Know-how, wie biobasierte Produkte und Prozesse optimiert bzw. neu entwickelt oder skaliert werden. Die Wertschöpfung mit Produkten, die aus Holz oder Ressourcen aus den Ozeanen hergestellt werden. Und die zirkuläre Bioökonomie beschreibt, dass die eingesetzten Rohstoffe möglichst recycelt werden müssen und eine optimale Ressourceneffizienz realisiert werden soll. Das bietet, wie in diesem Beitrag vorgestellt wird, zusätzliche Perspektiven der Wertschöpfung für die Abfallbranche. Die Bioökonomie wird synonym als biobasierte Wirtschaft bezeichnet. Sie unterscheidet sich von der fossilbasierten Wirtschaft durch die Nutzung erneuerbarer Ressourcen. Die C-Atome stammen aus dem direkten Kohlenstoffkreislauf der Natur, wo Pflanzen über Photosynthese Kohlendioxid in Zucker, Fette, Proteine, Fasern, Holz oder andere für den Menschen nutzbare Stoffe umwandeln. Aus ihnen hergestellt Produkte werden am Ende ihres Lebenszyklus energetisch genutzt oder biologisch umgesetzt wieder als Kohlendioxid in die Atmosphäre zurückgegeben. Im Gegensatz zu Produkten aus fossilen Kohlenstoffen, wie Öl, Kohle oder Gas, reichert sich kein zusätzliches Kohlendioxid in der Atmosphäre an – es herrscht eine annähernd ausgeglichene Bilanz, also weitgehende Klimaneutralität. Biomasse ist heimisch und verfügbar, stärkt regionale Wertschöpfungsketten und macht unabhängig von dem Import fossiler Rohstoffe, oft aus politisch heiklen Regionen stammen.



Copyright: © Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie GmbH
Quelle: 31. Abfall- und Ressourcenforum 2019 (April 2019)
Seiten: 13
Preis: € 6,50
Autor: Prof. Dr. Michael Nelles
Romann Glowacki
Andre Brosowski

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