Dosenpfand ruiniert Mittelstand - Discounter entfachen Preiskampf im Getränkehandel

Sinkende Mehrwegquoten ab Ende der 1990er Jahre führten 2003 zur Einführung des Dosenpfandes. In der Diskussion um die Notwendigkeit des Pflichtpfandes für Einweggetränke ging es in erster Linie um die Förderung und Stabilisierung von Mehrwegsystemen. Doch das Ziel scheint gescheitert.

(23.02.07) "Nach der Verpackungsverordnung sollen 80 Prozent aller Getränke in ökologisch vorteilhaften Verpackungen abgefüllt werden. Die Bundesregierung ist verpflichtet, bis zum Januar 2010 den Status quo zu überprüfen. Die aktuelle Negativentwicklung von Mehrweg zeigt allerdings, dass man so lange nicht warten kann", warnte Andreas Rottke, Vorstandschef der Genossenschaft Deutscher Brunnen bei der Bonner Fachtagung der Stiftung Initiative Mehrweg und der Unternehmensberatung Ascon zum Thema "Die Novelle der Novelle der Verpackungsverordnung". Zum Start des Dosenpfandes sei die Mehrwegquote bei Mineralwasser zwar kurzzeitig gestiegen. "Für das vergangene Jahr kommt man nach Erhebungen der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK) nur noch auf einen Durchschnittswert von 44,5 Prozent. Die Dezemberzahlen mit 41,1 Prozent zeigen, dass der Abwärtstrend unvermittelt anhält und der gesamten Branche zunehmend Angst bereitet. Vor gut zehn Jahren lag die Mehrwegquote für Mineralwasser noch bei 87,7 Prozent", so Rottke. Bei Fruchtsaft breche das Mehrwegsystem mit 34,7 Prozent schon zusammen, denn mit einer Quote von unter 40 Prozent könne man das nicht mehr wirtschaftlich betreiben. Die handwerklichen Fehler der Verpackungsverordnung, wie die anfänglich zugelassenen Insellösungen, waren nach Auffassung von Rottke das Einfallstor für den Siegeszug der Discounter beim Absatz von Einweggetränken. Die Discounter profitieren gleich mehrfach: Sie sparen Gebühren für den Grünen Punkt und erzielen Einnahmen durch Pfandschlupf und Recyclingerlöse für das sortenreine Verpackungsmaterial - summa summarum rund 400 Mio. Euro pro Jahr. Mit diesem Geld könne sie über Quersubventionen den Preis für Mineralwasser in Einwegflaschen künstlich niedrig halten, so Rottke. Umgerechnet auf den Literpreis koste Mineralwasser beim Discounter 13 Cent und im normalen Einzel- oder Getränkehandel 50 Cent. Die rund 220 mittelständisch geprägten Mineralbrunnenbetriebe seien unter diesen Bedingungen nicht mehr konkurrenzfähig.

"Bei Aldi & Co. sind es nur noch fünf national operierende Lieferanten, die zum Zuge kommen", sagte Rottke. Diese Firmen beherrschten den Einwegmarkt. Die Politik müsse schnell etwas tun, wenn sie den Mehrwegmarkt noch erhalten wolle. Das Pflichtpfand für Einweggetränke in der heutigen Ausgestaltung reiche nicht aus und sollte um eine Abgabenlösung ergänzt werden. "Die Todesspirale für den Mittelstand ist in vollem Gange. Einen vergleichbaren Preisunterschied zwischen Discountern und dem Getränkehandel mit einem Faktor von 4,5 findet man in keinem anderen Zweig der Lebensmittelbranche. Normalerweise kalkulieren diese Konzerne einen Erlös von zehn Prozent. Mit den Pfandeinnahmen über die nicht zurückgebrachten Einwegflaschen erwirtschaften die Discounter eine Spanne von über 40 Prozent.", monierte Ullrich Schweizer, Marketing-Geschäftsführer von Hassia Mineralquellen. Gerd Bollmann, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sieht akuten Handlungsbedarf zur Rettung von Mehrweggetränken. Die Politik würde allerdings davor zurückschrecken, nach dem jahrelangen Dosenpfand-Streit das Thema wieder anzupacken.


Unternehmen, Behörden + Verbände:
Autorenhinweis: Gunnar Sohn / pressetext.com



Copyright: © Deutscher Fachverlag (DFV)
Quelle: Januar/Februar 2007 (Februar 2007)
Seiten: 2
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Autor: Gunnar Sohn

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