Im Spiegel des Zeitgeistes - Thermische Abfallbehandlung zwischen Abfallpolitik und Wirtschaftlichkeit

"Politik ist die konstante Verneinung von Tatsachen", behaupten böse Zungen. Wenn diese Aussage in ihrer Absolutheit natürlich falsch ist, so gibt es gerade in der Abfallpolitik einige Aspekte, die sie stützen. Wie alle politischen Entscheidungen spiegelt auch die Abfallpolitik den Zeitgeist wider.

(04.05.07) "Aus den Augen aus dem Sinn" hieß noch vor 30 Jahren die Devise, und erst mit zunehmenden Problemen im Zusammenhang mit Verschmutzungen des Grundwassers begann man sich über die Auswirkungen von Deponien Gedanken zu machen. "Abfälle verbrennen, dadurch Volumen reduzieren und Energie gewinnen" lautete danach der Leitspruch. Aber bald stellte man fest, dass die Abgase neben Staub auch Schadstoffe enthalten. So wurden immer ausgefeiltere Abgasreinigungssysteme entwickelt. Doch damit war es nicht genug. "Vermeidung um jeden Preis, Verwertung auf jeden Fall und - wenn es nicht anders geht - thermisch behandeln" wurde vor 15 Jahren überall gepredigt. Und so scheute man weder Kosten noch Aufwand, um auch schwierigste Abfälle wieder in den Stoffkreislauf zurückzuführen. Plötzlich mussten aus Reststoffen Wertstoffe werden, und so wurde unser Abfall im wahrsten Sinne veredelt. Behandlungspreise von 300 Euro und mehr waren akzeptiert und durchaus keine Seltenheit.

In vielen Aspekten mögen diese Auswüchse ein extremer Ausschlag des Pendels gewesen sein, und viele von uns lächeln heute darüber. Haben sie sich schon einmal gefragt, worüber die Menschen in fünfzig Jahren lächeln werden?

In den letzten Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es keine starre Hierarchie "Vermeiden, Verwerten, Behandeln, Entsorgen" gibt, sondern der Grundsatz gilt: Ein Stoff soll nur dann verwertet werden, wenn dadurch die Emission geringer ist als bei geordneter Entsorgung und Neuproduktion. Das bedeutet auch eine gewisse Umkehr von der Abfallpolitik zu einer Produkte-Politik und zur Betrachtung des gesamten Lebensweges. Letztlich wird jedes Produkt früher oder später zu Abfall. Also muss man sich schon bei seiner Herstellung Gedanken über seine spätere Entsorgung machen.

Warum thermische Abfallbehandlung und nicht Abfallverbrennung? Diese Frage ist berechtig. Der Ausdruck "Verbrennung" wird den heutigen Verfahren nicht mehr gerecht. In den Anfängen konzentrierte sich die thermische Abfallbehandlung allein auf die Beseitigung und die Volumenreduktion von Abfällen. Heute erreicht unsere Spitzentechnologie zusätzlich die maximale Nutzung der Energie sowie die höchst mögliche Reduktion von Schadstoffen.

In Europa gibt es bezüglich der thermischen Abfallbehandlung sehr unterschiedliche Entwicklungen und Trends, die nachfolgend kurz zusammengefasst werden. Wie bereits beschrieben unterscheiden sich die Anforderungen an die thermische Abfallbehandlung aufgrund der unterschiedlichen Abfallpolitik in den Ländern Europas ganz erheblich.

Frankreich: Hier wurde das Deponieverbot für unbehandelte Abfälle 1992 eingeführt und bis 2006 umgesetzt. Im Vordergrund steht bei der thermischen Abfallbehandlung die geordnete Entsorgung der Abfälle.

Dänemark, Schweden und Norwegen: Hier steht die Energieerzeugung aus Abfällen im Vordergrund. Die Zuweisung zur thermischen Abfallbehandlung erfolgt durch eine hohe Besteuerung von Abfällen, die deponiert werden. Große Fernheiznetze begünstigen die Abnahme von Wärme, was nachgewiesenermaßen ökologisch sinnvoll ist. Es gibt Tendenzen, zukünftig die Kraft-Wärme-Koppelung einzuführen.

Niederlande: Neben der Entsorgung in großen zentralen Anlagen steht eine neue Energieproduktion in Form von Strom im Vordergrund. Es werden große Anstrengungen unternommen, elektrische Wirkungsgrade über 30 Prozent zu erreichen. Dies wird auch mit entsprechenden Prämien gefördert.

Deutschland: Hier wurde man am 1. Juni 2005 von einem Ablagerungsverbot "überrascht". In der Folge bemerkte man staunend, dass nicht genügend Behandlungskapazität der thermischen Abfallbehandlungen vorhanden ist und dass die mechanisch-biologischen Anlagen nicht die gewünschte Qualität an "Sekundär-Brennstoffen" liefern.

Schweiz: Bei den Eidgenossen gilt seit 1. Januar 2000 ein striktes Ablagerungsverbot. Von kleinen Restmengen abgesehen, wird die gesamte Menge an vermischten Siedlungsabfällen thermisch behandelt. Aufgrund der Nass-Abgasreinigungs-Technologie liegen die Emissionen eine Größenordnung unter den europäischen Vorschriften. Mit zwei Ausnahmen: Die Schweiz hat keinen Dioxin-Grenzwert und keine Anforderung von 850 °C, 2 s .

EU: Die EU folgte dem Beispiel einiger Mitgliedsstaaten und hat seit 1999 ein Ablagerungsverbot für unbehandelte Abfälle erlassen. Während oben erwähnte Staaten mit ambitiösen Programmen versuchen, die vorgeschriebenen Fristen einzuhalten, stehen die Länder im Süden und Osten vor der Herausforderung, die nötigen Kapazitäten für thermische Behandlung aufzubauen.

USA: Unter dem Druck der steigenden Treibstoff- und Energiekosten beginnt ein schlafender Riese zu erwachen. Während der letzten zehn Jahre wurde in den USA kaum eine Anlage verwirklicht. Heute schießen die Projekte wie Pilze aus dem Boden. Bis 2012 sollen gegen 20 Anlagen mit einer Verwertungskapazität von ca. 5 Mio. t/a gebaut werden. Im Vordergrund stehen hier große Anlagen mit hohem energetischem Wirkungsgrad.

Bei der Konzeption von Neuanlagen oder den Überlegungen zur Effizienzsteigerung von bestehenden Anlagen müssen die politischen und wirtschaftlichen Anforderungen des Umfeldes berücksichtigt und technologisch umgesetzt werden.

Wesentliche Aspekte sind:

Kapazität der Anlage

Erwartete Variation des Brennstoffes

Möglichkeiten der Energienutzung

Anforderungen an die Emissionsminderung

Wege der Reststoffverwertung

Notwendigkeit der Redundanz von Anlagekomponenten

All diese Aspekte (mit Ausnahme der Kapazität) erhöhen die Investitionskosten tendenziell. Dass aber höhere Investitionskosten (pro Tonne Durchsatz) nicht unbedingt schlechtere Wirtschaftlichkeit bedeuten, zeigen die nachfolgend dargestellten Beispiele.

Die genannten Aspekte lassen sich im Sinne eines ,Radarbildes darstellen. Je höher der Ausschlag des Radars in einem gewissen Aspekt (hier auf einer qualitativen Skala von 1 bis 6), desto eher werden die Investitionskosten zur Berücksichtigung des entsprechenden Aspektes sein (in diesem Sinne geht die Kapazität einer Anlage umgekehrt proportional in das Radar ein).

Oben werden die drei Anlagen (Trondheim, Erfurt, Issy-les-Moulineaux in Paris) als ,Radarbild' dargestellt. Sie alle sind maßgeschneidert, um die wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Anforderungen des jeweiligen Projektes zu berücksichtigen.

Die für die Anlage wichtigen Aspekte sind jeweils im "Anlagenradar" eingezeichnet. Man wird feststellen, dass die drei Anlagen unterschiedlichste Aspekte berücksichtigen. Trotzdem erfüllt jedes Konzept für sich eine hohe Wirtschaftlichkeit. Sei es die hohe Energienutzung in den skandinavischen Projekten (Trondheim), sei es die Berücksichtigung der spezifischen ökologischen Anforderungen eines Standortes (Erfurt) oder der Bau einer Anlage in dichtest bebautem Gebiet (Paris) - die Anforderungen der Umgebung geben die Anlagenkonzeption vor. Bei der Betrachtung dieser unterschiedlichen Konzepte stellt sich natürlich die Frage: Bestimmen heute die Politik oder die Wirtschaftlichkeit die Technologie ?

Die Frage ist schnell beantwortet: Unter dem Druck einer erhöhten Wirtschaftlichkeit besteht ein klarer Trend zu höherer Effizienz der Anlagen. Was dies konzeptionell und im Detail bedeutet, ist standortabhängig. Aber das Resultat ist, dass entsprechend den Anforderungen gezielte Investitionen gemacht werden. Ein optimales Konzept kann durchaus bedeuten, dass aus höheren Investitionskosten dennoch eine Minimierung der Kosten beim späteren Betrieb der Anlage resultiert.

Und wie reagieren wir darauf? Der Trend zu höherer Effizienz und verbesserter Wirtschaftlichkeit ist klar vorgegeben. Von Roll Inova nimmt diesen Trend ernst und engagiert sich bei der Entwicklung von Konzepten für

optimierte Energienutzung

große Brennstoffflexibilität

erhöhte Verfügbarkeit

Aus diesem Grund ist das Unternehmen schon heute dabei, aus einer Tradition von 70 Jahren Technologien für morgen zu entwickeln.


Unternehmen, Behörden + Verbände: von Roll, Zürich
Autorenhinweis: Dipl.-Ing. Martin Brunner, Von Roll Inova



Copyright: © Deutscher Fachverlag (DFV)
Quelle: Mai 2007 (Mai 2007)
Seiten: 3
Preis inkl. MwSt.: € 0,00
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